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Schimmerling: Die Klimakrise ist „ein Fass ohne Boden“

Die Klimakrise ist eines der größten Probleme unserer Zeit. Für Sänger Simon Klemp alias Schimmerling ist das Thema „ein Fass ohne Boden“.

Noch ist Schimmerling „mehr ein Start-up-Office als eine Rockband“, sagt Sänger Simon Klemp im Interview mit spot on news. Doch das soll sich ändern: Schimmerling will nach der langen Corona-Zeit endlich durchstarten. Der politisch engagierte Musiker aus Bonn beschäftigt sich in seinen Songs mit den großen Problemen unserer Zeit, unter anderem Krieg, Rechtsruck und fehlender Gleichberechtigung. „Als Damoklesschwert über allem schwebt die Klimakrise“, betont Klemp.

Wer sich politisch äußert, eckt oft an – das weiß auch der Sänger. „Der große Hass ist mir bisher noch nicht wirklich entgegengeschlagen“, stellt er jedoch fest. Bisher sind seine Songs auf großen Anklang gestoßen. In seiner neuen Single „Zukunft“, die am 30. September erscheint, will er Hoffnung und Kraft spenden.

Die neue Single heißt „Zukunft“ – ein großes Wort, gerade in den heutigen Zeiten. Was hat es damit auf sich?

Simon Klemp: Es ist ein Song, der aus den vergangenen zweieinhalb Jahren Pandemie geboren wurde. Ich glaube, viele Menschen haben ein ähnliches Problem wie wir Künstlerinnen und Künstler gerade, dass bei der Planung alles ein bisschen schleierhaft ist und man sich nie große Fragen an die Zukunft gestellt hat. Man hat die große Vorstellung von „Häusle bauen, Baum pflanzen und ein Kind in die Welt setzen“ und jetzt ist überall ein großes Fragezeichen dahinter. Der Inhalt des Liedes ist ein Selbstgespräch. Darin wird gesagt: Was du gerade durchmachst, ist völlig in Ordnung. Der Song will die Probleme nicht kleinreden, denn sie sind real. Aber sie gehen vorbei.

Es gibt aktuell ja sehr viele Probleme, über die man sich Sorgen machen kann.

Klemp: Als Damoklesschwert über allem schwebt die Klimakrise. Das ist etwas, worüber ich mich, wenn ich zwei Bier getrunken habe, innerhalb von vier Sätzen in Grund und Boden reden kann. Das ist dann eine Abwärtsspirale. Ich sehe dieses große Bewusstsein in der Bevölkerung, aber gleichzeitig diesen Mangel an Umsetzung. Das liegt nicht nur an unserer Regierung, sondern an der ganzen Welt. Es ist ein Fass ohne Boden, aber man braucht manchmal einen Strohhalm, an dem man sich hochziehen kann. Und falls das die Kunst gewährleisten kann, dann bin ich glücklich.

Wie ist Ihr eigener Umgang mit der Zukunft? Denken Sie eher lang- oder kurzfristig?

Klemp: Ein langfristiger Denker war ich noch nie. Deswegen habe ich mich auch für die Kunst entschieden. Wir hatten als Band einen sehr vielversprechenden Start und dann, als es richtig losging und wir den ersten Song veröffentlicht haben, waren plötzlich alle Schotten dicht. Nichts ging mehr. Der Simon von damals lebte sehr häufig in der Zukunft und sagte: „Wir müssen nur dieses Quartal noch warten. Auf gar keinen Fall müssen wir die Tour noch mal absagen oder verschieben.“ Das hat in einen Simon gemündet, der auf das Jetzt bezogen ist und wirklich wertschätzt, was er gerade für ein Glück hat. Auch im Freundeskreis oder in der Familie: Man kann eben nicht alles planen.

Dafür geht es nach der Pandemie jetzt sehr schnell: Neue Songs, zwei EPs, eine Tour. Wie viel bringt es denn überhaupt noch, Songs oder Alben im heutigen Musikgeschäft zu veröffentlichen?

Klemp: Da habe ich keinen gesunden Vergleichswert. Die Geschichte von Schimmerling bis jetzt ist, dass wir ein digitaler Konzern und vielmehr ein Start-up-Office als eine Rockband sind. Wir haben unsere Songs bisher nur in den digitalen Äther geworfen und hatten nicht viele Möglichkeiten, mit den Personen vor der Bühne in Kontakt zu treten. Wir machen keinen Mainstream-Pop, in dem sehr gängige Themen behandelt werden, sondern wir polarisieren. Da sehen wir uns der Schwierigkeit gegenüber, dass der erste – bis dato nur digitale – Eindruck nicht von einer Bühnen-Performance entkräftet oder gestärkt werden kann.

Eine politische Haltung ist Ihnen persönlich sehr wichtig – auch generell im Musikgeschäft?

Klemp: Ich bemängele sehr, dass die Musik so stark kommerzialisiert ist. Was in der deutschen Radiolandschaft verloren gegangen ist, ist die Kraft und Möglichkeit in der Kunst, Gedanken und Fragen bei den Hörerinnen und Hörern aufzuwerfen. Natürlich können Songs nicht die Fragen der Zeit beantworten. Ich würde mich auch niemals als derjenige bezeichnen, der die großen Antworten hat. Aber man kann im Kleinen anfangen. Ich gehe aktuell zum Beispiel mit einer Besetzung nur aus Cis-Männern auf die Bühne. Immerhin ändert sich das aber schon. Ich habe mir etwa aus einer Überzeugung heraus eine Managerin gesucht. Meine Stagehands und Rowdies werden bei mir auch nur FLINTA* (Abkürzung für Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nichtbinäre, trans und agender Personen, Anm. d. Red.) sein. Denn ich finde, dass es genau da anfängt, dass man aus Überzeugung oder aus Prinzip eine neue Realität erschafft.

In Bezug auf Gleichberechtigung können wir noch lange warten. Bis zur Gleichstellung der Frau vergehen wahrscheinlich noch 100 Jahre. Ich denke mir: Wir haben so große Probleme, da brauchen wir mehr als nur die Hälfte der Menschheit. Wenn man sich das Bankett der Weltpolitik anschaut, sind die vielen Aggressoren und Persönlichkeiten, die für sehr ernste Probleme und viel Leid auf der Welt sorgen, leider in der Regel alle Männer. Ob das jetzt Putin oder Erdogan oder Trump ist. Es mangelt an sich nicht an Persönlichkeiten, die vernünftige Politik heutzutage machen, vor allem nicht an Frauen. Aber bis diese in eine machtvolle Position kommen, ist es ein absoluter Kampf gegen Windmühlen.

Auf der Bühne können Sie dahingehend ja zumindest Denkanstöße geben.

Klemp: Genau. Ich habe zum Beispiel ein großes Maul, Schnauzbart und treibe gerne Sport. Aber ich möchte diese Machismo-Erscheinung komplett umdrehen. Mir geht es nicht darum, mit dem Finger auf Machos zu zeigen. Ich habe mein Leben lang behauptet, antirassistisch und feministisch zu sein. Aber auch ich hatte diese gängigen rassistischen und sexistischen Denkstrukturen, die man mit auf den Weg bekommt. Das Problem ist: Wer sich heutzutage kritisch äußert, ist gleich ein Sexist oder Rassist und man geht automatisch in die Defensive. Aber diese Defensive bringt uns nur immer wieder auseinander.

Die Verirrungen sind gerade nach diesen zweieinhalb Jahren Pandemie so groß wie noch nie. Man umgibt sich nur mit den Personen, die der gleichen Meinung sind, egal wie reflektiert diese ist. Aber wenn wir in 40 Jahren nicht erst in 100 Meter Grundwasser haben und keinen ewig heißen Sommer erleben wollen, dann braucht es einfach das große Miteinander. Die Menschen auf der Welt haben nun mal verschiedene Ansichten, weil sie ganz verschieden aufgewachsen sind und sozialisiert wurden. Wichtig ist, dass sich jetzt Persönlichkeiten in der Öffentlichkeit etablieren, die danach streben, zusammenzuarbeiten.

Wenn man sich politisch äußert, eckt man automatisch an. Wie gehen Sie mit Kritik um?

Klemp: Wir haben uns zum Beispiel verboten, YouTube-Kommentare zu beantworten. Bisher kamen aus dem rechten Lager aber auch nur lustige Kommentare. Da lache ich drüber. Was mich wundert: Der große Hass ist mir bisher noch nicht wirklich entgegengeschlagen. Das hatte ich eigentlich erwartet bei Songs wie „Ein und Alles“ oder „Philosophia“. Wenn mehr Leute in Kontakt mit den Songs kommen, kann ich mir aber vorstellen, dass es auch mehr Kritik geben wird. Aber bis jetzt bin ich wirklich in der glücklichen Situation, dass mich alle einfach toll finden. (lacht)

Mit seiner Band ist Simon Klemp aktuell mit seiner „Von Dreck und Liebe“-Tour unterwegs. Die nächsten Termine sind Bonn (1. Oktober 2022, Bla), Köln (6. Oktober 2022, Blue Shell), Hamburg (1. März 2023, Goldener Salon), Rostock (2. März 2023, MAU Club), Berlin (3. März 2023, Badehaus) und München (9. März 2023, Kranhalle).

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Schimmerling: Die Klimakrise ist „ein Fass ohne Boden“

Die Klimakrise ist eines der größten Probleme unserer Zeit. Für Sänger Simon Klemp alias Schimmerling ist das Thema „ein Fass ohne Boden“.

Noch ist Schimmerling „mehr ein Start-up-Office als eine Rockband“, sagt Sänger Simon Klemp im Interview mit spot on news. Doch das soll sich ändern: Schimmerling will nach der langen Corona-Zeit endlich durchstarten. Der politisch engagierte Musiker aus Bonn beschäftigt sich in seinen Songs mit den großen Problemen unserer Zeit, unter anderem Krieg, Rechtsruck und fehlender Gleichberechtigung. „Als Damoklesschwert über allem schwebt die Klimakrise“, betont Klemp.

Wer sich politisch äußert, eckt oft an – das weiß auch der Sänger. „Der große Hass ist mir bisher noch nicht wirklich entgegengeschlagen“, stellt er jedoch fest. Bisher sind seine Songs auf großen Anklang gestoßen. In seiner neuen Single „Zukunft“, die am 30. September erscheint, will er Hoffnung und Kraft spenden.

Die neue Single heißt „Zukunft“ – ein großes Wort, gerade in den heutigen Zeiten. Was hat es damit auf sich?

Simon Klemp: Es ist ein Song, der aus den vergangenen zweieinhalb Jahren Pandemie geboren wurde. Ich glaube, viele Menschen haben ein ähnliches Problem wie wir Künstlerinnen und Künstler gerade, dass bei der Planung alles ein bisschen schleierhaft ist und man sich nie große Fragen an die Zukunft gestellt hat. Man hat die große Vorstellung von „Häusle bauen, Baum pflanzen und ein Kind in die Welt setzen“ und jetzt ist überall ein großes Fragezeichen dahinter. Der Inhalt des Liedes ist ein Selbstgespräch. Darin wird gesagt: Was du gerade durchmachst, ist völlig in Ordnung. Der Song will die Probleme nicht kleinreden, denn sie sind real. Aber sie gehen vorbei.

Es gibt aktuell ja sehr viele Probleme, über die man sich Sorgen machen kann.

Klemp: Als Damoklesschwert über allem schwebt die Klimakrise. Das ist etwas, worüber ich mich, wenn ich zwei Bier getrunken habe, innerhalb von vier Sätzen in Grund und Boden reden kann. Das ist dann eine Abwärtsspirale. Ich sehe dieses große Bewusstsein in der Bevölkerung, aber gleichzeitig diesen Mangel an Umsetzung. Das liegt nicht nur an unserer Regierung, sondern an der ganzen Welt. Es ist ein Fass ohne Boden, aber man braucht manchmal einen Strohhalm, an dem man sich hochziehen kann. Und falls das die Kunst gewährleisten kann, dann bin ich glücklich.

Wie ist Ihr eigener Umgang mit der Zukunft? Denken Sie eher lang- oder kurzfristig?

Klemp: Ein langfristiger Denker war ich noch nie. Deswegen habe ich mich auch für die Kunst entschieden. Wir hatten als Band einen sehr vielversprechenden Start und dann, als es richtig losging und wir den ersten Song veröffentlicht haben, waren plötzlich alle Schotten dicht. Nichts ging mehr. Der Simon von damals lebte sehr häufig in der Zukunft und sagte: „Wir müssen nur dieses Quartal noch warten. Auf gar keinen Fall müssen wir die Tour noch mal absagen oder verschieben.“ Das hat in einen Simon gemündet, der auf das Jetzt bezogen ist und wirklich wertschätzt, was er gerade für ein Glück hat. Auch im Freundeskreis oder in der Familie: Man kann eben nicht alles planen.

Dafür geht es nach der Pandemie jetzt sehr schnell: Neue Songs, zwei EPs, eine Tour. Wie viel bringt es denn überhaupt noch, Songs oder Alben im heutigen Musikgeschäft zu veröffentlichen?

Klemp: Da habe ich keinen gesunden Vergleichswert. Die Geschichte von Schimmerling bis jetzt ist, dass wir ein digitaler Konzern und vielmehr ein Start-up-Office als eine Rockband sind. Wir haben unsere Songs bisher nur in den digitalen Äther geworfen und hatten nicht viele Möglichkeiten, mit den Personen vor der Bühne in Kontakt zu treten. Wir machen keinen Mainstream-Pop, in dem sehr gängige Themen behandelt werden, sondern wir polarisieren. Da sehen wir uns der Schwierigkeit gegenüber, dass der erste – bis dato nur digitale – Eindruck nicht von einer Bühnen-Performance entkräftet oder gestärkt werden kann.

Eine politische Haltung ist Ihnen persönlich sehr wichtig – auch generell im Musikgeschäft?

Klemp: Ich bemängele sehr, dass die Musik so stark kommerzialisiert ist. Was in der deutschen Radiolandschaft verloren gegangen ist, ist die Kraft und Möglichkeit in der Kunst, Gedanken und Fragen bei den Hörerinnen und Hörern aufzuwerfen. Natürlich können Songs nicht die Fragen der Zeit beantworten. Ich würde mich auch niemals als derjenige bezeichnen, der die großen Antworten hat. Aber man kann im Kleinen anfangen. Ich gehe aktuell zum Beispiel mit einer Besetzung nur aus Cis-Männern auf die Bühne. Immerhin ändert sich das aber schon. Ich habe mir etwa aus einer Überzeugung heraus eine Managerin gesucht. Meine Stagehands und Rowdies werden bei mir auch nur FLINTA* (Abkürzung für Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nichtbinäre, trans und agender Personen, Anm. d. Red.) sein. Denn ich finde, dass es genau da anfängt, dass man aus Überzeugung oder aus Prinzip eine neue Realität erschafft.

In Bezug auf Gleichberechtigung können wir noch lange warten. Bis zur Gleichstellung der Frau vergehen wahrscheinlich noch 100 Jahre. Ich denke mir: Wir haben so große Probleme, da brauchen wir mehr als nur die Hälfte der Menschheit. Wenn man sich das Bankett der Weltpolitik anschaut, sind die vielen Aggressoren und Persönlichkeiten, die für sehr ernste Probleme und viel Leid auf der Welt sorgen, leider in der Regel alle Männer. Ob das jetzt Putin oder Erdogan oder Trump ist. Es mangelt an sich nicht an Persönlichkeiten, die vernünftige Politik heutzutage machen, vor allem nicht an Frauen. Aber bis diese in eine machtvolle Position kommen, ist es ein absoluter Kampf gegen Windmühlen.

Auf der Bühne können Sie dahingehend ja zumindest Denkanstöße geben.

Klemp: Genau. Ich habe zum Beispiel ein großes Maul, Schnauzbart und treibe gerne Sport. Aber ich möchte diese Machismo-Erscheinung komplett umdrehen. Mir geht es nicht darum, mit dem Finger auf Machos zu zeigen. Ich habe mein Leben lang behauptet, antirassistisch und feministisch zu sein. Aber auch ich hatte diese gängigen rassistischen und sexistischen Denkstrukturen, die man mit auf den Weg bekommt. Das Problem ist: Wer sich heutzutage kritisch äußert, ist gleich ein Sexist oder Rassist und man geht automatisch in die Defensive. Aber diese Defensive bringt uns nur immer wieder auseinander.

Die Verirrungen sind gerade nach diesen zweieinhalb Jahren Pandemie so groß wie noch nie. Man umgibt sich nur mit den Personen, die der gleichen Meinung sind, egal wie reflektiert diese ist. Aber wenn wir in 40 Jahren nicht erst in 100 Meter Grundwasser haben und keinen ewig heißen Sommer erleben wollen, dann braucht es einfach das große Miteinander. Die Menschen auf der Welt haben nun mal verschiedene Ansichten, weil sie ganz verschieden aufgewachsen sind und sozialisiert wurden. Wichtig ist, dass sich jetzt Persönlichkeiten in der Öffentlichkeit etablieren, die danach streben, zusammenzuarbeiten.

Wenn man sich politisch äußert, eckt man automatisch an. Wie gehen Sie mit Kritik um?

Klemp: Wir haben uns zum Beispiel verboten, YouTube-Kommentare zu beantworten. Bisher kamen aus dem rechten Lager aber auch nur lustige Kommentare. Da lache ich drüber. Was mich wundert: Der große Hass ist mir bisher noch nicht wirklich entgegengeschlagen. Das hatte ich eigentlich erwartet bei Songs wie „Ein und Alles“ oder „Philosophia“. Wenn mehr Leute in Kontakt mit den Songs kommen, kann ich mir aber vorstellen, dass es auch mehr Kritik geben wird. Aber bis jetzt bin ich wirklich in der glücklichen Situation, dass mich alle einfach toll finden. (lacht)

Mit seiner Band ist Simon Klemp aktuell mit seiner „Von Dreck und Liebe“-Tour unterwegs. Die nächsten Termine sind Bonn (1. Oktober 2022, Bla), Köln (6. Oktober 2022, Blue Shell), Hamburg (1. März 2023, Goldener Salon), Rostock (2. März 2023, MAU Club), Berlin (3. März 2023, Badehaus) und München (9. März 2023, Kranhalle).

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Alfred Nobel Auszeichnung Friedensnobelpreis Hoffnungsträger Inflation Klaus Hasselmann Klimakrise Literatur Medizin-Nobelpreis Nobelpreis Oslo Physik Russland Stockholm Ukraine

Auszeichnungen: Nobelpreise als Hoffnungsträger in schwierigen Zeiten

Pandemie, Klimakrise, Krieg in der Ukraine: Selten scheint die globale Lage so stark auf der Menschheit gelastet zu haben wie heute. Wirkt sich das in diesem Jahr auch auf die Nobelpreise aus?

Schwerwiegende Krisen scheinen in der diesjährigen Nobelpreis-Saison so omnipräsent zu sein wie selten zuvor. Wenn die Bekanntgaben der renommiertesten Auszeichnungen der Erde an diesem Montag mit dem Preis in der Kategorie Medizin eingeläutet werden, dann sucht die Welt parallel nach Halt und Hoffnung.

Ein Medizin-Nobelpreis nach zweieinhalb Jahren Pandemie, weitere wissenschaftliche Nobelpreise in Zeiten der Klimakrise, ein Friedensnobelpreis, während Russland in der Ukraine Krieg führt, und eine wirtschaftswissenschaftliche Auszeichnung, während die Menschen mit Inflation und stark gestiegenen Energiepreisen ringen: Die Nobelpreise finden sich im Jahr 2022 in einer Welt wieder, die sich in einem regelrechten Dauerzustand der Krisen und Konflikte befindet.

Vor diesem Eindruck blicken Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die Literaturwelt, Friedensstifter und die versammelte Weltöffentlichkeit nun eine Woche lang nach Stockholm und Oslo. Von Montag bis Mittwoch werden zunächst die Preisträgerinnen und -träger in den wissenschaftlichen Kategorien Medizin, Physik und Chemie verkündet, dann folgen die Auszeichnungen in Literatur und Frieden. Die Wirtschaftswissenschaften beschließen den diesjährigen Nobelreigen dann am darauffolgenden Montag. Verbunden sind die Ehrungen erneut mit einem Preisgeld in Höhe von zehn Millionen schwedischen Kronen (rund 920 000 Euro) pro Kategorie.

Krisen in der Welt

Was würde Preisstifter und Dynamit-Erfinder Alfred Nobel (1833-1896) von der Situation halten, in der sich die Welt 126 Jahre nach seinem Tod befindet? Der Direktor der Nobelstiftung, Vidar Helgesen, hat eine Vermutung. „Ich denke, er wäre wahrscheinlich umso mehr davon überzeugt, dass die Bedeutung der Wissenschaft, des kritischen wissenschaftlichen Denkens, der Suche nach der Wahrheit, die Bedeutung der internationalen Zusammenarbeit und das Streben nach friedlichen Lösungen von Konflikten wichtiger denn je sind“, sagt er. „Die Werte, die den verschiedenen Nobelpreisen zugrundeliegen, sind in der heutigen Welt wirklich relevanter denn je.“

Gleichzeitig könnte man meinen, dass sich diese Krisen auch auf die Auswahl der Preisträger auswirken werden. Mit Blick auf die Corona-Pandemie hatten bereits im Vorjahr viele gemutmaßt, dass der Medizin-Nobelpreis an die Entwickler der mRNA-Impfstoffe gehen würde – am Ende bekamen ihn stattdessen die Entdecker von Zellrezeptoren, über die Menschen Temperatur und Berührungen wahrnehmen.

„Die Nobelkomitees basieren ihre Überlegungen auf dem Testament von Alfred Nobel und bestimmen, wer im Laufe des letzten Jahres oder der letzten Jahre am meisten zum Nutzen der Menschheit beigetragen hat. Das bleibt trotz aller Krisen die Hauptleitlinie ihres Handelns“, erklärt Helgesen. Doch natürlich spiegelten Forschung, Literatur und nicht zuletzt Friedensbemühungen die Realität der jeweiligen Zeit wider, wie sich etwa am letztjährigen Physik-Nobelpreis für die Klimawissenschaft um den Hamburger Klaus Hasselmann gezeigt habe. „Das war offenkundig ein Zeichen der Zeit“, sagt Helgesen.

Deutsche Preisträger

Vergangenes Jahr waren mit Hasselmann in Physik und mit Benjamin List in Chemie gleich zwei Deutsche unter den Preisträgern gewesen. Bei der Königlich-Schwedischen Akademie der Wissenschaften hatte damals noch Generalsekretär Göran Hansson ihre Namen verkündet. Dessen Nachfolge hat zum Jahreswechsel der Biologe Hans Ellegren angetreten, womit ihm am Dienstag und Mittwoch erstmals die Ehre zufällt, die Preisträger in Physik und Chemie bekanntzugeben. „Ich freue mich so sehr, dazu beizutragen, die Wissenschaft in den Fokus zu rücken“, sagt er über die neue Aufgabe. „Das Scheinwerferlicht ist auf uns gerichtet.“

Mit Blick auf die derzeitigen Probleme der Welt betont Ellegren, dass die wissenschaftlichen Preise an die wichtigsten wissenschaftlichen Errungenschaften der Menschheit gingen – oft unabhängig von derzeitigen Herausforderungen. „Das ist auch wichtig, um die Integrität des Preises zu wahren und sich nicht von Gesprächen über das beeinflussen zu lassen, was derzeit auf der Tagesordnung steht.“

Helgesen hält die Nobelpreise in Zeiten wie diesen auch für eine wichtige Inspirationsquelle für Jüngere. „Wenn du heute ein junger Mensch bist, der nach Hoffnung und Inspiration sucht, dass man die Welt verändern kann, dann sind die Nobelpreise und Nobelpreisträger ein fantastisches Symbol und ein Beispiel aus dem echten Leben dafür, dass Menschen tatsächlich den Lauf der Geschichte verändern können“, sagt er. „Das ist eine Botschaft der Hoffnung und Inspiration, die heute wirklich gebraucht wird.“

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Deutschland DWD Erderwärmung Extremwetterkongress Gletscher Hamburg Klima Klimakrise Luisa Neubauer Tobias Fuchs Waldbrandgefahr Wetterextrem Wirbelsturm

Extremwetterkongress: Experten warnen vor unumkehrbaren Folgen der Erderwärmung

Die Klimakrise erhöht die Wahrscheinlichkeit von Wetterextremen – so die Botschaft beim 12. Extremwetterkongress in Hamburg. Die Experten verdeutlichen die Folgen und rufen zum schnellen Handeln auf.

Schmelzende Gletscher, steigende Waldbrandgefahr und verheerende Wirbelstürme: Wissenschaftler haben eindringlich vor den unumkehrbaren Folgen einer weiteren globalen Erwärmung gewarnt. Sie sehen eine wachsende Gefahr durch Wetterextreme.

„Wir erleben die Klimaveränderung inzwischen direkt vor unserer Haustür, sind selbst unmittelbar betroffen“, sagte Tobias Fuchs, Vorstandsmitglied des Deutschen Wetterdienstes (DWD), beim 12. Extremwetterkongress in Hamburg. Bis Freitag stellen Wissenschaftler dort neue Erkenntnisse vor. Die Bemühungen um den Klimaschutz müssten verstärkt werden, lautet die Forderung der Experten.

„Die Lage ist dramatisch“, sagte Fridays-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer. Das Klima warte nicht, nur weil man gerade viele andere Sorgen habe – das sei die Herausforderung dieser Zeit. Die Regierung und die Gesellschaft müssten auch mehrere Krisen gleichzeitig angehen können.

Besondere Herausforderungen für die Menschheit sind laut Experten der steigende Meeresspiegel und der Verlust des Festland-Eises. „Wir sind die erste Generation, die die Auswirkungen des menschengemachten Klimawandels so umfassend messen, beobachten und wissenschaftlich analysieren kann“, sagte der Präsident der Weltorganisation für Meteorologie, Gerhard Adrian, der zugleich DWD-Präsident ist.

Extremwetter-Fakten: Sehr heiße Sommer viel wahrscheinlicher

In einem vorgestellten Extremwetter-Faktenpapier 2022 heißt es, dass die gegenwärtige globale Erwärmung in Deutschland stärker wirkt als im globalen Mittel. Extrem heiße und trockene Sommer seien viel wahrscheinlicher geworden. Während die globale Temperatur im linearen Trend um etwa 1,1 Grad über der Zeit von 1881 bis 1910 liege, seien es in Deutschland etwa 1,6 Grad. Seit 1960 war den Angaben zufolge jede Dekade hierzulande wärmer als die vorherige. Neun der zehn wärmsten Jahre seit 1881 traten den Angaben zufolge seit 2000 auf.

In den vergangenen Jahrzehnten sei die Zahl der Tage mit hohem bis sehr hohem Waldbrandrisiko gestiegen. Strenge Fröste nehmen den Erkenntnissen zufolge ab. „In einigen Gegenden Deutschlands sind langanhaltende Phasen mit Tageshöchsttemperaturen von 30 Grad Celsius und darüber ein neues Phänomen“, heißt es in dem Report. Betont wurde: Im Rahmen der natürlichen Variabilität werde es auch weiterhin kalte Winter, kühle Sommer und die Gefahr von Spätfrösten geben. „Die Wahrscheinlichkeit für diese drei genannten Ereignisse nimmt jedoch in Folge der globalen Erwärmung ab.“

Schwerpunkt Eisschmelze

Ein Schwerpunkt des Kongresses liegt nach Angaben des Deutschen Klima-Konsortiums (DKK) in diesem Jahr auf dem Abschmelzen der Eisbedeckung – seien es Gletscher, Meereis oder Landeis. Die Wissenschaft erwarte in den kommenden Jahrzehnten weitere Verluste, wodurch die Gefahr von Wasserknappheit und bilateralen Konflikten steige, berichtete die DKK-Vorstandsvorsitzende Astrid Kiendler-Scharr.

Fuchs nannte Beispiele für Folgen der Klimaveränderungen in vielen Regionen: Der diesjährige Sommer sei extrem trocken und warm gewesen und habe gefühlt schon im Mai begonnen. Böden seien fast flächendeckend ausgetrocknet, die Wasserstände von Flüssen seien sehr niedrig gewesen und es habe viele Waldbrände gegeben, sagte Fuchs. „Unter dem Strich ein für Deutschland im Klimawandel bald typischer Sommer.“ Der DWD warnte: Angesichts von Treibhausgaskonzentrationen mit immer neuen Rekordhöhen sei mit noch ausgeprägteren Wetterextremen zu rechnen.

Frank Böttcher, Veranstalter und Sprecher der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft, appellierte, die politischen Rahmenbedingungen so zu ändern, dass alle Produkte und alle Lebensmittel mindestens klimaneutral sind. „Darüber darf man im Supermarkt nicht mehr nachdenken müssen“, forderte er.

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1950er Deutschland Extremwetterkongress Hamburg Klimakrise Lufttemperatur

Extremwetterkongress: Experten: Zahl heißer Tage in Deutschland nimmt zu

Klimakrise, Sturzregen, Dürre – darum geht es auf dem 12. Extremwetterkongress in Hamburg. Präsentiert werden unter anderem Daten zu verschiedenen Klimaaspekten – wie etwa Temperaturextremen.

Die Zahl heißer Tage in Deutschland mit einer Lufttemperatur von mindestens 30 Grad hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark erhöht. Sie verdreifachte sich, über ganz Deutschland gemittelt, seit den 1950er-Jahren von etwa drei Tagen pro Jahr auf derzeit durchschnittlich neun Tage pro Jahr, heißt es in einem Papier zum Stand der Wissenschaft, das am Mittwoch auf dem Extremwetterkongress in Hamburg vorgestellt werden soll.

Die mittlere Anzahl der Eistage (Tagesmaximum der Lufttemperatur kleiner 0 Grad) habe im gleichen Zeitraum von 28 Tagen auf 19 Tage abgenommen.

Am 20. Juli dieses Jahres beispielsweise wurde den Angaben zufolge während einer intensiven Hitzewelle in Hamburg-Neuwiedenthal eine Tageshöchsttemperatur von 40,1 Grad gemessen. Noch nie seien in Mitteleuropa so weit nördlich Temperaturen über 40 Grad gemessen worden. In vielen Regionen komme es seit den 1990er Jahren zu einer massiven Häufung von Hitzewellen.

„Dieser Effekt ist eine Folge der globalen Erwärmung und des damit auch in Deutschland erfolgenden deutlichen Temperaturanstieges“, schreiben die Wissenschaftler in dem Papier, das von dem Kongress und dem Deutschen Wetterdienst herausgegeben wurde. „Bei ungebremstem Treibhausgasausstoß wird für den Zeitraum 2031 bis 2060 eine weitere Zunahme um fünf bis zehn heiße Tage im Jahr in Norddeutschland und zehn bis zwanzig heiße Tage in Süddeutschland erwartet.“

Der Extremwetterkongress findet Mittwoch bis Freitag im Internationalen Maritimen Museum in der Hansestadt statt. Rund 100 Wissenschaftler und Experten stellen neuste Erkenntnisse vor, wie Organisator und Meteorologe Frank Böttcher ankündigte. Erwartet werden auch Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne), der Expeditionsforscher Arved Fuchs und die Fridays-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer.

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1950er Deutschland Hamburg Klima Klimakrise Lufttemperatur

Klima: Experten: Zahl heißer Tage in Deutschland nimmt zu

Klimakrise, Sturzregen, Dürre – darum geht es auf dem 12. Extremwetterkongress ab Mittwoch in Hamburg. Rund 100 Forschende und Experten wollen sich beteiligen. Präsentiert werden unter anderem Daten zu verschiedenen Klimaaspekten – wie etwa Temperaturextremen.

Die Zahl heißer Tage in Deutschland mit einer Lufttemperatur von mindestens 30 Grad hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark erhöht. Sie verdreifachte sich, über ganz Deutschland gemittelt, seit den 1950er-Jahren von etwa drei Tagen pro Jahr auf derzeit durchschnittlich neun Tage pro Jahr, heißt es in einem Papier zum Stand der Wissenschaft, das am Mittwoch auf dem Extremwetterkongress in Hamburg vorgestellt werden soll. Die mittlere Anzahl der Eistage (Tagesmaximum der Lufttemperatur kleiner 0 Grad) habe im gleichen Zeitraum von 28 Tagen auf 19 Tage abgenommen.

Am 20. Juli dieses Jahres beispielsweise wurde den Angaben zufolge während einer intensiven Hitzewelle in Hamburg-Neuwiedenthal eine Tageshöchsttemperatur von 40,1 Grad gemessen. Noch nie seien in Mitteleuropa so weit nördlich Temperaturen über 40 Grad gemessen worden. In vielen Regionen komme es seit den 1990er Jahren zu einer massiven Häufung von Hitzewellen.

„Dieser Effekt ist eine Folge der globalen Erwärmung und des damit auch in Deutschland erfolgenden deutlichen Temperaturanstieges“, schreiben die Wissenschaftler in dem Papier, das von dem Kongress und dem Deutschen Wetterdienst herausgegeben wurde. „Bei ungebremstem Treibhausgasausstoß wird für den Zeitraum 2031 bis 2060 eine weitere Zunahme um fünf bis zehn heiße Tage im Jahr in Norddeutschland und zehn bis zwanzig heiße Tage in Süddeutschland erwartet.“

Der Extremwetterkongress findet Mittwoch bis Freitag im Internationalen Maritimen Museum in der Hansestadt statt. Rund 100 Wissenschaftler und Experten stellen neuste Erkenntnisse vor, wie Organisator und Meteorologe Frank Böttcher ankündigte. Erwartet werden auch Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne), der Expeditionsforscher Arved Fuchs und die Fridays-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer.

Extremwetterkongress Programm des Kongresses

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Hitzewelle Kinder Klimakrise Klimawandel Krisenstimmung Naturkatastrophe Social Media

Psychologin Claudine Dahms: Klimaangst und Krisenstimmung: Wie junge Menschen mit ihrer unsicheren Zukunft umgehen können

Der letzte Sommer mit vielen Tagen über 35 Grad, kaum Regen und Dürre – die Klimakrise rückt auch gefühlt immer näher an unsere Lebensrealität. Vor allem junge Menschen fürchten sich Umfragen zufolge vor den Folgen des Klimawandels. Claudine Dahms ist Psychologin und weiß, wie man mit der Angst vor der ungewissen Zukunft umgehen kann.

75 Prozent der Jugendlichen fürchten sich laut einer Studie vor den Folgen des Klimawandels. Sie haben im Rahmen Ihrer Tätigkeit viel mit jungen Menschen zutun, Frau Dahm. Was macht die ungewisse Zukunft mit der jungen Generation?

Claudine Dahm: Besonders für sehr emotionale oder empathische Menschen kann die Klimakrise stark belastend sein. Die Ungewissheiten, die die Klimakrise mit sich bringt, kann dabei vor allem zu Zukunftsängsten führen. Diese gehen beispielsweise einher mit typischen Symptomen wie Schlafschwierigkeiten, Grübeln, Stimmungsschwankungen, Traurigkeit oder Ruhelosigkeit. Bei manchen kann es sogar zu depressiven Verstimmungen oder psychosomatischen Beschwerden kommen.

PAID STERN Sonderhef 2020_01: Angriff aus dem Tierreich 17.15

Neben Angst – in diesem Fall Klimaangst – gibt es auch noch eine Reihe von anderen Gefühlen, die bei der wahrgenommenen Bedrohung aufkommen können. Dazu gehören beispielsweise Wut, Trauer, Hoffnungslosigkeit oder Frustration. Manche haben auch mit Scham oder Schuldgefühlen bezüglich des eigenen Lebensstils zu kämpfen.

Woher kommt die Klimaangst bei jungen Menschen?

Die sich zuspitzende Klimakrise scheint mittlerweile nahezu omnipräsent: Wir kommen auf Social Media, beim Nachrichtenlesen und in Gesprächen mit unseren Nachbarn damit in Kontakt. 

Genau. Einerseits lesen wir Nachrichten über Naturkatastrophen oder neue wissenschaftliche Erkenntnisse und Prognosen über die weitere Klimaentwicklung. Bei solchen Nachrichten ist Angst vor den konkreten Folgen der Klimakrise eine natürliche Reaktion. Wir haben Sorge um die eigene Existenz und um die Existenz anderer, denn die Klimakrise bedroht unseren Lebensraum – unser Zuhause. Andererseits erfahren wir durch die Nachrichten, dass die politischen Maßnahmen unzureichend sind. Dies löst wiederum oft Gefühle der Hoffnungslosigkeit und Machtlosigkeit aus.

Psychologin und Achtsamkeitsexpertin Claudine Dahm
Claudine Dahm ist Psychologin (M.Sc.) und Achtsamkeitsexpertin. Sie entwickelt unter anderem Wissenskurse für die Meditationsapp 7Mind, auch zum Thema Stressmanagement und Umgang mit Krisenzeiten und Angst.
© Privat

Und warum sind vor allem junge Menschen von Klimaangst betroffen?

Vor allem Kinder und Jugendliche haben häufig noch nicht gelernt, angemessen mit solchen Bedrohungen umzugehen und benötigen in solchen Situationen besondere Unterstützung von ihren Eltern. Angst kann allerdings auch nützlich sein, indem sie uns dazu motiviert, zukunftsorientiert zu handeln.

Apropos: Wir beschäftigen uns zwar zunehmend mit der Klimakrise, verändern unser Verhalten dahingehend aber oft nur geringfügig. Warum?

Eine erhöhte Angst führt nicht unbedingt zu einem umweltfreundlicheren Lebensstil. Dazu müssen noch andere Bedingungen erfüllt werden, wie beispielsweise der Zugang zu nützlichen Informationen oder die breite Überzeugung in der Gesellschaft, dass ein solcher Lebensstil erstrebenswert ist.

Wenn ich mir allerdings „Fridays For Future“ anschaue – eine Bewegung, die ausschließlich von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen gegründet wurde und in den letzten Jahren sehr viel bewegt hat – dann sehe ich dort sehr viele junge Erwachsene, die sich aktiv für eine gerechtere Klimapolitik einsetzen.

Information versus Selbstschutz: Eigene Grenzen erkennen

Aber können Proteste denn mehr bewegen, als das Überdenken individueller Gewohnheiten?

Der ständige Verweis auf die individuelle Verantwortung – also Änderungen des eigenen Verhaltens und des Lebensstils – kann sogar dazu führen, dass am Ende weniger politischer Druck entsteht und somit die notwendigen, politischen Veränderungen nicht stattfinden. Persönliches Engagement ist lobenswert und kann sich gut anfühlen, allerdings kann eine richtige Veränderung nur über politische Entscheidungen erfolgen. Die Klimakrise ist am Ende eine globale Bedrohung, die auch nur auf genauso globaler, gesellschaftlich-politischer Ebene überwunden werden kann.

Nochmal zurück zur Klimaangst: Wie viel Information über Klimakrise, Krieg und Krankheit ist eigentlich gesund?

Wie bereits erwähnt, kann Angst nicht nur negativ sein, sondern auch als Schutzmechanismus fungieren. Angst kann uns dazu bewegen und motivieren, zukunftsorientiert und konstruktiv zu handeln. Hier gilt wie bei vielem: die Dosis macht das Gift. Es ist wichtig, informiert zu bleiben und über aktuelle Ereignisse Bescheid zu wissen. Ich würde empfehlen, regelmäßig in sich hineinzuhören – um so die eigenen Grenzen zu erkennen.

Wie erkenne ich denn, dass eine Grenze erreicht ist?

Wenn man merkt, dass die Angst größer wird und Symptome wie Schlafprobleme, Grübeleien oder Stimmungsschwankungen zunehmen, ist es an der Zeit, einen Gang zurückzuschalten. In dem Fall ist es wichtig, sich Zeit für sich, Hobbies und soziale Kontakte zu nehmen. Entspannungsübungen können dabei helfen, einen besseren Umgang mit dem entstandenen Stress zu finden und sich konkret eine Auszeit im Alltag zu gönnen. Zusätzlich sollte man sich immer wieder vor Augen führen, was man selbst realistischerweise ändern oder beeinflussen kann, und was nicht.

Bedürfnisse Kinder 18.38

Spielen wir einmal den Worst-Case durch: Die Klimaangst bleibt und verstärkt sich über die Generationen hinweg. Was macht das psychologisch mit unserer Gesellschaft?

Wenn Sorgen und Angst überhand nehmen und sich verstärken, kann es passieren, dass sich daraus für das Individuum dysfunktionale Ängste und psychische Störungen entwickeln. Die Wahrscheinlichkeit dafür wird dadurch erhöht, dass sich Naturkatastrophen häufen und die Prognosen von Wissenschaftler:innen apokalyptische Züge annehmen. Vor allem können auch schlechte Aussichten durch mangelnde politische Entscheidungen und Maßnahmen und gleichzeitig die wahrgenommenen fehlenden Möglichkeiten, auf individueller Ebene etwas tun zu können, zu einer Verstärkung der Angst führen.

Der Weg aus der Klimaangst

Was kann ich denn tun, um einen gesunden Umgang mit der Angst zu etablieren und gar nicht erst in die Negativ-Spirale zu rutschen?

Ein richtiger Umgang mit dieser Angst fängt mit einer mitfühlenden Selbstfürsorge an, indem wir sie erkennen und beispielsweise auch beim eigenen Engagement die eigenen Grenzen erkennen und respektieren. Es ist natürlich auch wichtig, vor allem Kinder und Jugendliche zu schützen, indem sie von den Eltern und auch im schulischen Kontext adäquate Aufklärung und Unterstützung erfahren. Kinder sollten nicht die Verantwortung spüren, ihre eigene Zukunft retten zu müssen, hier sind Erwachsene und vor allem politisch Verantwortliche gefragt.

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Lassen Sie uns noch ein bisschen konkreter werden: Ich merke, die Klimakrise löst akute Angst in mir aus. Was kann ich tun?

Bei auftretenden Ängsten kann es helfen, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen und mit Freund:innen und Familie über die eigenen Sorgen zu reden. Gegen das Gefühl der Ohnmacht kann es hilfreich sein, in Organisationen aktiv zu werden, indem man sich beispielsweisen Ortsgruppen der Klimabewegung anschließt oder sich im politischen Rahmen für Klimaschutz engagiert.

Auch Engagement auf persönlicher Ebene, wie Änderungen des eigenen Lebensstils, können einem das Gefühl geben, aktiv etwas zu tun. Besonders wichtig ist es dabei, die Balance zwischen aktiver Auseinandersetzung mit der Klimakrise und Erholungsmöglichkeiten zu finden. Wenn man merkt, dass die Angst das alltägliche Leben beeinträchtigt, sollte man sich eine Auszeit nehmen und beispielsweise den Hausarzt bzw. die Hausärztin aufsuchen oder eine therapeutische Erstberatung in Anspruch nehmen.

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Afrika Dürre Handy Handynetz Kenia Klimakrise Misereor Nairobi Osteuropa Rinder Roland Brockmann Ukraine Ukrainekrieg

Dürre in Afrika: Die vergessenen Hirten von Kenia – sie leiden am meisten unter Klimakrise und Ukrainekrieg

Sie leben wie vor hundert Jahren – allerdings mit Handynetz. Ein Berliner Fotograf besuchte die Hirten im Norden Kenias. Die rasante Modernisierung Kenias geht an ihnen vorüber. Nur mit Hilfe können diese traditionell lebenden Menschen die aktuelle Dürre überstehen.

Gerade wurde in Nairobi der neue Expressway eingeweiht: ein Prestigeprojekt für den Hauptstadtverkehr. Gleichzeitig ändert sich an den Lebensbedingungen auf dem Land im Norden seit Jahren wenig. Auch dort gibt es zwar Mobilfunknetze, weil das logistisch einfach ist, aber ansonsten leben die Leute dort wie vor 50 oder 100 Jahren. Der Berliner Fotograf Roland Brockmann besuchte die Hirten im Norden des Landes auf Einladung des Hilfsweks Misereor. Obwohl die Menschen dort so abgeschieden leben, leiden sie am stärksten unter der Weltlage. Bei Krisen, die andere verursachen, tragen sie die Folgen. Sie leiden unter Dürre und Klimawandel und tragen selbst kaum zu den klimaschädlichen Emissionen bei. Vom der Ukraine dürften die wenigsten je gehört haben und doch beeinflussen die Folgen des Krieges im fernen Osteuropa ihr Leben. Grundnahrungsmittel und Treibstoff werden unbezahlbar – auch für die internationalen Hilfsorganisationen.

Handy im Mittelalter

Die Menschen nutzen Handys, wohnen aber in traditionellen Hütten ohne Stromnetz oder Wasserversorgung. Sie kochen über Drei-Stein-Feuerstellen, wie seit Urzeiten. Die meisten sind Hirten, können weder lesen noch schreiben. Ihr Lebenszentrum sind die Tiere, nicht nur als Kapital. Rinder oder Ziegen bestimmen den Status einer Familie, vor allem aber den Lebensalltag. Ohne das Vieh verliert das ganze Leben hier seinen Sinn. Inzwischen ist es die dritte Dürre in Kenia, die der Berliner Fotograf dokumentiert, innerhalb von rund zehn Jahren. Er sagt: „Mich beeindrucken diese Menschen, denen ich unterwegs begegne. Ich selbst könnte so nicht überleben. Als Fotograf es ist wie ein Blick in eine andere, aus der Moderne gefallenen Welt.“ Eine Welt, die immer brüchiger wird.

Ohne Tiere kein sinnvolles Leben

Das Leben dort ist alles andere als eine Idylle. Hinter dem Hunger wartet das nächste Drama, die Perspektivlosigkeit. Ohne Tiere gibt es für die Hirtenvölker nichts zu tun. Die Dürre hat klimatische, also globale Gründe. Hinzu kommen diesmal die vergangene Heuschreckenplage, Corona und die gestiegenen Lebensmittelpreise durch den Krieg in der Ukraine. Da im Norden aufgrund des semi-ariden Bodens nichts angebaut werden kann, müssen die Nomaden Mehl kaufen, um wenigsten Maisbrei zum Essen zu haben. Während der Pandemie wurden aber die Märkte geschlossen, dadurch gingen die ganzen Tagelöhnerjobs verloren. Niemand konnte sich mehr etwas dazu verdienen.

Spenden lösen nicht alle Probleme

Inzwischen lebt die Bevölkerung in 17 Landkreisen Kenias in akuter Not. 3,5 Millionen Menschen benötigen humanitäre Hilfe. Laikipia, wo die Misereor-Partnerorganisation IMPACT (Indigenous Movement for Peace Advancement and Conflict Transformation) arbeitet, ist besonders betroffen. Roland Brockmann hält die Hilfe durch Spenden für dringend notwendig. Es sei nicht fair, zu erwarten, dass Spenden alle Probleme des Landes lösen. „Spenden sind kein Instrument der Veränderung, sondern ein Zeichen der Solidarität. Ein Weg anderen, denen es weniger gut geht, zu beizustehen.“ Der notwendige Strukturwandel und Zukunftskonzepte für Kenia können nicht von außen importiert werden. „Das muss Kenia als Land selbst leisten. Der Westen kann da schlecht wie ein Gärtner eingreifen.“ Das Vorurteil, dass die Hilfe versacke, kann er nicht bestätigen. „Mein klarer Eindruck ist: Die Hilfsgüter, die verteilt werden, kommen auch bei den richtigen Leuten an. Aber es ist eben Nothilfe, die erst mal hilft, den Bauch zu füllen.“ Neben der akuten Nothilfe unterstützt Misereor daher auch langfristige Projekte zur Anpassung an die veränderten klimatischen Bedingungen.

Ein gespaltenes Land

Die Lage im Land ist kompliziert. Einen Gegensatz wie den zwischen der modernen Hauptstadt und den Nomaden des Nordens gibt es in keinem europäischen Land. Nicht nur bei den Lebensbedingungen, sondern auch in der Mentalität. Die Leute in der Hauptstadt verstehen sich vor allem als Kenianer. Im Norden spielen Stammesstrukturen noch immer eine große Rolle. Verteilungskämpfe werden entlang von Ethnien ausgetragen. Mit den brutalen Methoden von vorgestern: Immer wieder werden Dörfer niedergebrannt oder wird Vieh gestohlen. Das Land ist gespalten. Nur 100 Kilometer südlich der Dürregegenden beginnt das grüne Hochland Kenias – mit fruchtbarem Lehmboden. „Da wurde jetzt gerade gut geerntet. Das Gemüse von dort können die Nomaden im Norden ohne Geld aber nicht bezahlen.“ Kenia ist ein relativ stabiles afrikanisches Land, auch der Machtwechsel nach der Präsidentschaftswahl im Sommer verlief entgegen von vielen Befürchtungen bislang friedlich. Ein Garant für Frieden und Einheit ist nicht zuletzt die wachsende Mittelschicht des Landes, die bei Unruhen viel zu verlieren hätte. Doch der Norden wird derzeit immer weiter abgehängt. Auf Dauer braucht es langfristige Konzepte, doch heute muss die größte Not gelindert werden.

Misereor- Spendenkonto Spendenaufruf

IBAN DE75 3706 0193 0000 1010 10 

BIC GENODED1PAX      

Pax-Bank Aachen      

Stichwort: Hungersnot in Afrika

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Hitzewelle Kinder Klimakrise Klimawandel Krisenstimmung Naturkatastrophe Social Media

Psychologin Claudine Dahms: Klimaangst und Krisenstimmung: Wie junge Menschen mit ihrer unsicheren Zukunft umgehen können

Der letzte Sommer mit vielen Tagen über 35 Grad, kaum Regen und Dürre – die Klimakrise rückt auch gefühlt immer näher an unsere Lebensrealität. Vor allem junge Menschen fürchten sich Umfragen zufolge vor den Folgen des Klimawandels. Claudine Dahms ist Psychologin und weiß, wie man mit der Angst vor der ungewissen Zukunft umgehen kann.

75 Prozent der Jugendlichen fürchten sich laut einer Studie vor den Folgen des Klimawandels. Sie haben im Rahmen Ihrer Tätigkeit viel mit jungen Menschen zutun, Frau Dahm. Was macht die ungewisse Zukunft mit der jungen Generation?

Claudine Dahm: Besonders für sehr emotionale oder empathische Menschen kann die Klimakrise stark belastend sein. Die Ungewissheiten, die die Klimakrise mit sich bringt, kann dabei vor allem zu Zukunftsängsten führen. Diese gehen beispielsweise einher mit typischen Symptomen wie Schlafschwierigkeiten, Grübeln, Stimmungsschwankungen, Traurigkeit oder Ruhelosigkeit. Bei manchen kann es sogar zu depressiven Verstimmungen oder psychosomatischen Beschwerden kommen.

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Neben Angst – in diesem Fall Klimaangst – gibt es auch noch eine Reihe von anderen Gefühlen, die bei der wahrgenommenen Bedrohung aufkommen können. Dazu gehören beispielsweise Wut, Trauer, Hoffnungslosigkeit oder Frustration. Manche haben auch mit Scham oder Schuldgefühlen bezüglich des eigenen Lebensstils zu kämpfen.

Woher kommt die Klimaangst bei jungen Menschen?

Die sich zuspitzende Klimakrise scheint mittlerweile nahezu omnipräsent: Wir kommen auf Social Media, beim Nachrichtenlesen und in Gesprächen mit unseren Nachbarn damit in Kontakt. 

Genau. Einerseits lesen wir Nachrichten über Naturkatastrophen oder neue wissenschaftliche Erkenntnisse und Prognosen über die weitere Klimaentwicklung. Bei solchen Nachrichten ist Angst vor den konkreten Folgen der Klimakrise eine natürliche Reaktion. Wir haben Sorge um die eigene Existenz und um die Existenz anderer, denn die Klimakrise bedroht unseren Lebensraum – unser Zuhause. Andererseits erfahren wir durch die Nachrichten, dass die politischen Maßnahmen unzureichend sind. Dies löst wiederum oft Gefühle der Hoffnungslosigkeit und Machtlosigkeit aus.

Psychologin und Achtsamkeitsexpertin Claudine Dahm
Claudine Dahm ist Psychologin (M.Sc.) und Achtsamkeitsexpertin. Sie entwickelt unter anderem Wissenskurse für die Meditationsapp 7Mind, auch zum Thema Stressmanagement und Umgang mit Krisenzeiten und Angst.
© Privat

Und warum sind vor allem junge Menschen von Klimaangst betroffen?

Vor allem Kinder und Jugendliche haben häufig noch nicht gelernt, angemessen mit solchen Bedrohungen umzugehen und benötigen in solchen Situationen besondere Unterstützung von ihren Eltern. Angst kann allerdings auch nützlich sein, indem sie uns dazu motiviert, zukunftsorientiert zu handeln.

Apropos: Wir beschäftigen uns zwar zunehmend mit der Klimakrise, verändern unser Verhalten dahingehend aber oft nur geringfügig. Warum?

Eine erhöhte Angst führt nicht unbedingt zu einem umweltfreundlicheren Lebensstil. Dazu müssen noch andere Bedingungen erfüllt werden, wie beispielsweise der Zugang zu nützlichen Informationen oder die breite Überzeugung in der Gesellschaft, dass ein solcher Lebensstil erstrebenswert ist.

Wenn ich mir allerdings „Fridays For Future“ anschaue – eine Bewegung, die ausschließlich von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen gegründet wurde und in den letzten Jahren sehr viel bewegt hat – dann sehe ich dort sehr viele junge Erwachsene, die sich aktiv für eine gerechtere Klimapolitik einsetzen.

Information versus Selbstschutz: Eigene Grenzen erkennen

Aber können Proteste denn mehr bewegen, als das Überdenken individueller Gewohnheiten?

Der ständige Verweis auf die individuelle Verantwortung – also Änderungen des eigenen Verhaltens und des Lebensstils – kann sogar dazu führen, dass am Ende weniger politischer Druck entsteht und somit die notwendigen, politischen Veränderungen nicht stattfinden. Persönliches Engagement ist lobenswert und kann sich gut anfühlen, allerdings kann eine richtige Veränderung nur über politische Entscheidungen erfolgen. Die Klimakrise ist am Ende eine globale Bedrohung, die auch nur auf genauso globaler, gesellschaftlich-politischer Ebene überwunden werden kann.

Nochmal zurück zur Klimaangst: Wie viel Information über Klimakrise, Krieg und Krankheit ist eigentlich gesund?

Wie bereits erwähnt, kann Angst nicht nur negativ sein, sondern auch als Schutzmechanismus fungieren. Angst kann uns dazu bewegen und motivieren, zukunftsorientiert und konstruktiv zu handeln. Hier gilt wie bei vielem: die Dosis macht das Gift. Es ist wichtig, informiert zu bleiben und über aktuelle Ereignisse Bescheid zu wissen. Ich würde empfehlen, regelmäßig in sich hineinzuhören – um so die eigenen Grenzen zu erkennen.

Wie erkenne ich denn, dass eine Grenze erreicht ist?

Wenn man merkt, dass die Angst größer wird und Symptome wie Schlafprobleme, Grübeleien oder Stimmungsschwankungen zunehmen, ist es an der Zeit, einen Gang zurückzuschalten. In dem Fall ist es wichtig, sich Zeit für sich, Hobbies und soziale Kontakte zu nehmen. Entspannungsübungen können dabei helfen, einen besseren Umgang mit dem entstandenen Stress zu finden und sich konkret eine Auszeit im Alltag zu gönnen. Zusätzlich sollte man sich immer wieder vor Augen führen, was man selbst realistischerweise ändern oder beeinflussen kann, und was nicht.

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Spielen wir einmal den Worst-Case durch: Die Klimaangst bleibt und verstärkt sich über die Generationen hinweg. Was macht das psychologisch mit unserer Gesellschaft?

Wenn Sorgen und Angst überhand nehmen und sich verstärken, kann es passieren, dass sich daraus für das Individuum dysfunktionale Ängste und psychische Störungen entwickeln. Die Wahrscheinlichkeit dafür wird dadurch erhöht, dass sich Naturkatastrophen häufen und die Prognosen von Wissenschaftler:innen apokalyptische Züge annehmen. Vor allem können auch schlechte Aussichten durch mangelnde politische Entscheidungen und Maßnahmen und gleichzeitig die wahrgenommenen fehlenden Möglichkeiten, auf individueller Ebene etwas tun zu können, zu einer Verstärkung der Angst führen.

Der Weg aus der Klimaangst

Was kann ich denn tun, um einen gesunden Umgang mit der Angst zu etablieren und gar nicht erst in die Negativ-Spirale zu rutschen?

Ein richtiger Umgang mit dieser Angst fängt mit einer mitfühlenden Selbstfürsorge an, indem wir sie erkennen und beispielsweise auch beim eigenen Engagement die eigenen Grenzen erkennen und respektieren. Es ist natürlich auch wichtig, vor allem Kinder und Jugendliche zu schützen, indem sie von den Eltern und auch im schulischen Kontext adäquate Aufklärung und Unterstützung erfahren. Kinder sollten nicht die Verantwortung spüren, ihre eigene Zukunft retten zu müssen, hier sind Erwachsene und vor allem politisch Verantwortliche gefragt.

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Lassen Sie uns noch ein bisschen konkreter werden: Ich merke, die Klimakrise löst akute Angst in mir aus. Was kann ich tun?

Bei auftretenden Ängsten kann es helfen, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen und mit Freund:innen und Familie über die eigenen Sorgen zu reden. Gegen das Gefühl der Ohnmacht kann es hilfreich sein, in Organisationen aktiv zu werden, indem man sich beispielsweisen Ortsgruppen der Klimabewegung anschließt oder sich im politischen Rahmen für Klimaschutz engagiert.

Auch Engagement auf persönlicher Ebene, wie Änderungen des eigenen Lebensstils, können einem das Gefühl geben, aktiv etwas zu tun. Besonders wichtig ist es dabei, die Balance zwischen aktiver Auseinandersetzung mit der Klimakrise und Erholungsmöglichkeiten zu finden. Wenn man merkt, dass die Angst das alltägliche Leben beeinträchtigt, sollte man sich eine Auszeit nehmen und beispielsweise den Hausarzt bzw. die Hausärztin aufsuchen oder eine therapeutische Erstberatung in Anspruch nehmen.

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Dürre in Afrika: Die vergessenen Hirten von Kenia – sie leiden am meisten unter Klimakrise und Ukrainekrieg

Sie leben wie vor hundert Jahren – allerdings mit Handynetz. Ein Berliner Fotograf besuchte die Hirten im Norden Kenias. Die rasante Modernisierung Kenias geht an ihnen vorüber. Nur mit Hilfe können diese traditionell lebenden Menschen die aktuelle Dürre überstehen.

Gerade wurde in Nairobi der neue Expressway eingeweiht: ein Prestigeprojekt für den Hauptstadtverkehr. Gleichzeitig ändert sich an den Lebensbedingungen auf dem Land im Norden seit Jahren wenig. Auch dort gibt es zwar Mobilfunknetze, weil das logistisch einfach ist, aber ansonsten leben die Leute dort wie vor 50 oder 100 Jahren. Der Berliner Fotograf Roland Brockmann besuchte die Hirten im Norden des Landes auf Einladung der Hilfsorganisation Misereor. Obwohl die Menschen dort so abgeschieden leben, leiden sie am stärksten unter der Weltlage. Bei Krisen, die andere verursachen, tragen sie die Folgen. Sie leiden unter Dürre und Klimawandel und tragen selbst kaum zu den klimaschädlichen Emissionen bei. Vom der Ukraine dürften die wenigsten je gehört haben und doch beeinflussen die Folgen des Krieges im fernen Osteuropa ihr Leben. Grundnahrungsmittel und Treibstoff werden unbezahlbar – auch für die internationalen Hilfsorganisationen.

Handy im Mittelalter

Die Menschen nutzen Handys, wohnen aber in traditionellen Hütten ohne Stromnetz oder Wasserversorgung. Sie kochen über Drei-Stein-Feuerstellen, wie seit Urzeiten. Die meisten sind Hirten, können weder lesen noch schreiben. Ihr Lebenszentrum sind die Tiere, nicht nur als Kapital. Rinder oder Ziegen bestimmen den Status einer Familie, vor allem aber den Lebensalltag. Ohne das Vieh verliert das ganze Leben hier seinen Sinn. Inzwischen ist es die dritte Dürre in Kenia, die der Berliner Fotograf dokumentiert, innerhalb von rund zehn Jahren. Er sagt: „Mich beeindrucken diese Menschen, denen ich unterwegs begegne. Ich selbst könnte so nicht überleben. Als Fotograf es ist wie ein Blick in eine andere, aus der Moderne gefallenen Welt.“ Eine Welt, die immer brüchiger wird.

Ohne Tiere kein sinnvolles Leben

Das Leben dort ist alles andere als eine Idylle. Hinter dem Hunger wartet das nächste Drama, die Perspektivlosigkeit. Ohne Tiere gibt es für die Hirtenvölker nichts zu tun. Die Dürre hat klimatische, also globale Gründe. Hinzu kommen diesmal die vergangene Heuschreckenplage, Corona und die gestiegenen Lebensmittelpreise durch den Krieg in der Ukraine. Da im Norden aufgrund des semi-ariden Bodens nichts angebaut werden kann, müssen die Nomaden Mehl kaufen, um wenigsten Maisbrei zum Essen zu haben. Während der Pandemie wurden aber die Märkte geschlossen, dadurch gingen die ganzen Tagelöhnerjobs verloren. Niemand konnte sich mehr etwas dazu verdienen.

Spenden lösen nicht alle Probleme

Inzwischen lebt die Bevölkerung in 17 Landkreisen Kenias in akuter Not. 3,5 Millionen Menschen benötigen humanitäre Hilfe. Laikipia, wo die Misereor-Partnerorganisation IMPACT (Indigenous Movement for Peace Advancement and Conflict Transformation) arbeitet, ist besonders betroffen. Roland Brockmann hält die Hilfe durch Spenden für dringend notwendig. Es sei nicht fair, zu erwarten, dass Spenden alle Probleme des Landes lösen. „Spenden sind kein Instrument der Veränderung, sondern ein Zeichen der Solidarität. Ein Weg anderen, denen es weniger gut geht, zu beizustehen.“ Der notwendige Strukturwandel und Zukunftskonzepte für Kenia können nicht von außen importiert werden. „Das muss Kenia als Land selbst leisten. Der Westen kann da schlecht wie ein Gärtner eingreifen.“ Das Vorurteil, dass die Hilfe versacke, kann er nicht bestätigen. „Mein klarer Eindruck ist: Die Hilfsgüter, die verteilt werden, kommen auch bei den richtigen Leuten an. Aber es ist eben Nothilfe, die erst mal hilft, den Bauch zu füllen.“ Neben der akuten Nothilfe unterstützt Misereor daher auch langfristige Projekte zur Anpassung an die veränderten klimatischen Bedingungen.

Ein gespaltenes Land

Die Lage im Land ist kompliziert. Einen Gegensatz wie den zwischen der modernen Hauptstadt und den Nomaden des Nordens gibt es in keinem europäischen Land. Nicht nur bei den Lebensbedingungen, sondern auch in der Mentalität. Die Leute in der Hauptstadt verstehen sich vor allem als Kenianer. Im Norden spielen Stammesstrukturen noch immer eine große Rolle. Verteilungskämpfe werden entlang von Ethnien ausgetragen. Mit den brutalen Methoden von vorgestern: Immer wieder werden Dörfer niedergebrannt oder wird Vieh gestohlen. Das Land ist gespalten. Nur 100 Kilometer südlich der Dürregegenden beginnt das grüne Hochland Kenias – mit fruchtbarem Lehmboden. „Da wurde jetzt gerade gut geerntet. Das Gemüse von dort können die Nomaden im Norden ohne Geld aber nicht bezahlen.“ Kenia ist ein relativ stabiles afrikanisches Land, auch der Machtwechsel nach der Präsidentschaftswahl im Sommer verlief entgegen von vielen Befürchtungen bislang friedlich. Ein Garant für Frieden und Einheit ist nicht zuletzt die wachsende Mittelschicht des Landes, die bei Unruhen viel zu verlieren hätte. Doch der Norden wird derzeit immer weiter abgehängt. Auf Dauer braucht es langfristige Konzepte, doch heute muss die größte Not gelindert werden.

Misereor- Spendenkonto

IBAN DE75 3706 0193 0000 1010 10 

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Stichwort: Hungersnot in Afrika

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