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Wegen Stigmatisierung: Affen aus Angst vor Affenpockenvirus gejagt – Umbenennung der Krankheit gefordert

Das Affenpockenvirus breitet sich aus. Aus Angst vor einer Infektion wird mancherorts bereits Jagd auf Affen gemacht. Schuld daran ist laut Experten auch der Name der Krankheit.

Als sich das neuartige Coronavirus von Wuhan in China aus Anfang 2020 in der Welt ausbreitete, wurden vielerorts Menschen ausgegrenzt, die für Chinesen gehalten wurden. Wegen der Schweinegrippe 2009 wurden in vielen Ländern Millionen Schweine geschlachtet und in Brasilien sind jetzt die ersten Affen mit Steinen und Gift attackiert worden – alles irrationale Reaktionen in der irrigen Annahme, man könne sich dadurch vor einer neuen Gefahr schützen.

Was Namen wie Virus aus Wuhan oder Schweinepest für Viren oder Krankheiten auslösen können, ist bekannt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) macht seit Wochen Druck, dass der Name Affenpocken geändert wird. Aber sind so einprägsame Bezeichnungen nicht besser als Buchstaben- und Zahlenkombinationen wie H1N1 für Schweinegrippe oder Sars-CoV-2 für das Coronavirus? „Was einfach ist, ist ja nicht notwendigerweise geboten“, sagt Richard Neher vom Biozentrum der Universität Basel der Deutschen Presse-Agentur. STERN PAID Affenpocken HIV Interview 16.45

Neutrale Namen gefordert

Er unterzeichnete im Juni einen Aufruf, neutrale Namen für Affenpocken-Untergruppen zu finden und nicht von „Westafrika“- oder „Kongobecken“-Gruppen zu reden. Damit werde der falsche Eindruck erweckt, die jüngsten Ausbrüche überwiegend in Europa, den USA und Brasilien hätten etwas mit Afrika zu tun, heißt es darin. Das sei diskriminierend und stigmatisierend. Die mehr als zwei Dutzend Virologinnen und Virologen kritisierten, dass dazu auch noch oft Fotos afrikanischer Patienten gestellt werden würden.

„Das Problem mit den geografischen Bezeichnungen ist zum einen, dass sie oft nicht stimmen, zum anderen, dass sie oft dazu führen, dass die Orte, nach denen die Erreger benannt werden, Nachteile erfahren“, sagt Neher. Zum Beispiel, dass Reisen in die Regionen vermieden werden. Zudem würden Länder, die Krankheiten gut überwachen und etwa neue Virenvarianten entdecken und beschreiben, bestraft, wenn die neue Variante dann nach dem Land benannt werde. Die legendäre Spanische Grippe 2018 etwa wurde zwar von Spanien als erstes gemeldet, die ersten Fälle traten aber schon früher in den USA auf, wie die US-Gesellschaft für Mikrobiologie (ASM) berichtet.

„Angst braucht einen Namen“

Dass sich Begriffe wie Schweinegrippe oder Wuhan-Virus schnell durchsetzten, sei menschlich, schrieb Susan Hardy, Dozentin für Sozialwissenschaften auf der Webseite der Universität von Sydney. „Angst braucht einen Namen, und etwas zu benennen suggeriert, dass etwas getan wird.“ Es gehe auch um die Suche nach Sündenböcken.Tiere und Corona: Welche infizieren sich 10.35

Bei der neuen Influenza-Virusvariante 2009 waren es die Schweine, obwohl das Virus auch Menschen infiziert und von Mensch zu Mensch übertragen werden kann. Beim Coronavirus sprach nicht nur der damalige US-Präsident Donald Trump vom „Wuhan-“ oder „China Virus“, um Peking Schuld an der Ausbreitung zuzuschieben. Er verlangte explizit, China müsse zur Rechenschaft gezogen werden.

Seit 2015 hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Richtlinien, um zu verhindern, dass Krankheitsnamen negative Folgen für Handel, Reisen, Tourismus oder Tierwohl haben oder kulturelle, soziale, regionale oder ethnische Gruppen womöglich an den Pranger stellen.

Namen wie Affenpockenvirus können Unheil anrichten

Das Affenpockenvirus heißt so, weil es in den 1950er Jahren in Dänemark erstmals in Affen nachgewiesen wurde. Es hätte auch dänisches Virus heißen können, wie das Marburg-Virus, das so heißt, weil es in den 1960er Jahren in der hessischen Stadt identifiziert wurde. Bei den Affenpocken ist heute klar, dass sich zwar Affen – wie Menschen – infizieren können. Natürliche Wirte sind aber Nagetiere. Bei der jüngsten Ausbreitung wird das Virus durch engen Körperkontakt zwischen Menschen übertragen und hat mit Affen nichts zu tun.

Für die Virus-Bezeichnung ist ein Gremium aus Hunderten Virologen (ICTV) zuständig. Sie haben auch das Coronavirus Sars-CoV-2 benannt. Krankheitsnamen beschließt die WHO. Sie nannte etwa die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Krankheit Covid-19. Womöglich kann es den ein oder anderen Affen schützen, wenn der Name geändert wird. Doch auch bei Gelbfieber-Ausbrüchen wurden in Brasilien Affen angegriffen.

Die Stigmatisierung und Diskriminierung der von einer Krankheit Betroffenen ist noch eine ganz andere Sache. Die in den 80er Jahren zuerst bei schwulen Männern in den USA festgestellte Immunschwäche wurde zunächst Grid genannt – für gay-related immune deficiency – etwa: mit Schwulen in Verbindung stehende Immunschwäche. Obwohl seit langem bekannt ist, dass sich die Krankheit keineswegs auf schwule Männer beschränkt, hat die Änderung des Namens in Aids (acquired immune deficiency syndrome – etwa: erworbenes Immunschwächesyndrom) zunächst kaum etwas bewirkt. Noch über viele Jahre sind Menschen von Schwulen aus Angst vor einer Ansteckung abgerückt.

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Namenssuche: Aus Angst vor Affenpocken: Angriffe auf Affen in Brasilien

Seit die einst obskuren Affenpocken sich in der Welt ausbreiten, warnen Experten wegen des Namens. Krankheitsnamen sollen nichts und niemanden stigmatisieren. Jetzt werden aber die ersten Affen Opfer.

Virus aus Wuhan, Schweinegrippe, Affenpocken: was solche Namen für Viren oder Krankheiten auslösen können, ist bekannt. Als das neuartige Coronavirus von Wuhan in China aus Anfang 2020 in der Welt ausbreitete, wurden vielerorts Menschen ausgegrenzt, die für Chinesen gehalten wurden. Wegen der Schweinegrippe 2009 wurden in vielen Ländern Millionen Schweine geschlachtet, und wegen der Affenpocken sind jetzt in Brasilien die ersten Affen mit Steinen und Gift attackiert worden – alles irrationale Reaktionen in der irrigen Annahme, man könne sich dadurch vor einer neuen Gefahr schützen.

Die WHO macht seit Wochen Druck, dass der Name Affenpocken geändert wird. Aber sind so einprägsame Bezeichnungen nicht besser als Buchstaben- und Zahlenkombinationen wie H1N1 für Schweinegrippe oder Sars-CoV-2 für das Coronavirus? „Was einfach ist, ist ja nicht notwendigerweise geboten“, sagt Richard Neher vom Biozentrum der Universität Basel der Deutschen Presse-Agentur.

Er unterzeichnete im Juni einen Aufruf, neutrale Namen für Affenpocken-Untergruppen zu finden und nicht von „Westafrika“- oder „Kongobecken“-Gruppen zu reden. Damit werde der falsche Eindruck erweckt, die jüngsten Ausbrüche überwiegend in Europa, den USA und Brasilien hätten etwas mit Afrika zu tun, heißt es darin. Das sei diskriminierend und stigmatisierend. Die mehr als zwei Dutzend Viirologinnen und Virologen kritisierten, dass dazu auch noch oft mit Fotos afrikanischer Patienten gestellt werden würden.

Schwierig einen neuen Namen zu finden

„Das Problem mit den geografischen Bezeichnungen ist zum einen, dass sie oft nicht stimmen, zum anderen, dass sie oft dazu führen, dass die Orte, nach denen die Erreger benannt werden, Nachteile erfahren“, sagt Neher. Zum Beispiel, dass Reisen in die Regionen vermieden werden. Zudem würden Länder, die Krankheiten gut überwachen und etwa neue Virenvarianten entdecken und beschreiben, bestraft, wenn die neue Variante dann nach dem Land benannt werde. Die legendäre Spanische Grippe 1918 etwa wurde zwar von Spanien als erstes gemeldet, die ersten Fälle traten aber schon früher in den USA auf, wie die US-Gesellschaft für Mikrobiologie (ASM) berichtet.

Dass sich Begriffe wie Schweinegrippe oder Wuhan-Virus schnell durchsetzten, sei menschlich, schrieb Susan Hardy, Dozentin für Sozialwissenschaften auf der Webseite der Universität von Sydney. „Angst braucht einen Namen, und etwas zu benennen suggeriert, dass etwas getan wird.“ Es gehe auch um die Suche nach Sündenböcken.

Bei der neuen Influenza-Virusvariante 2009 waren es die Schweine, obwohl das Virus auch Menschen infiziert und von Mensch zu Mensch übertragen werden kann. Beim Coronavirus sprach nicht nur der damalige US-Präsident Donald Trump vom „Wuhan-“ oder „China Virus“, um Peking Schuld an der Ausbreitung zuzuschieben. Er verlangte explizit, China müsse zur Rechenschaft gezogen werden.

Seit 2015 hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Richtlinien, um zu verhindern, dass Krankheitsnamen negative Folgen für Handel, Reisen, Tourismus oder Tierwohl haben oder kulturelle, soziale, regionale oder ethnische Gruppen womöglich an den Pranger stellen.

Natürliche Wirte sind aber Nagetiere – keine Affen

Das Affenpockenvirus heißt so, weil es in den 1950er Jahren in Dänemark erstmals in Affen nachgewiesen wurde. Es hätte auch dänisches Virus heißen können, wie das Marburg-Virus, das so heißt, weil es in den 1960er Jahren der hessischen Stadt identifiziert wurde. Bei den Affenpocken ist heute klar, dass sich zwar Affen – wie Menschen – infizieren können. Natürliche Wirte sind aber Nagetiere. Bei der jüngsten Ausbreitung wird das Virus durch engen Körperkontakt zwischen Menschen übertragen und hat mit Affen nichts zu tun.

Für die Virus-Bezeichnung ist ein Gremium aus Hunderten Virologen (ICTV) zuständig. Sie haben auch das Coronavirus Sars-CoV-2 benannt. Krankheitsnamen beschließt die WHO. Sie nannte etwa die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Krankheit Covid-19.

Womöglich kann es den ein oder anderen Affen schützen, wenn der Name geändert wird. Doch auch bei Gelbfieber-Ausbrüchen wurden in Brasilien Affen angegriffen.

Die Stigmatisierung und Diskriminierung der von einer Krankheit Betroffenen ist noch eine ganz andere Sache. Die in den 80er Jahren zuerst bei schwulen Männern in den USA festgestellte Immunschwäche wurde zunächst Grid genannt – für gay-related immune deficiency – etwa: mit Schwulen in Verbindung stehende Immunschwäche. Obwohl seit langem bekannt ist, dass sich die Krankheit keineswegs auf schwule Männer beschränkt, hat die Änderung des Namens in Aids (acquired immune deficiency syndrome – etwa: erworbenes Immunschwächesyndrom) zunächst kaum etwas bewirkt. Noch über viele Jahre sind Menschen von Schwulen aus Angst vor einer Ansteckung abgerückt.

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Affenpocken Afrika Brasilien China Coronavirus Deutsche Presse-Agentur Europa Richard Neher Sars-Cov-2 Schweine Schweinegrippe Universität Basel USA Virus Westafrika WHO Wuhan

Namenssuche: Aus Angst vor Affenpocken: Angriffe auf Affen in Brasilien

Seit die einst obskuren Affenpocken sich in der Welt ausbreiten, warnen Experten wegen des Namens. Krankheitsnamen sollen nichts und niemanden stigmatisieren. Jetzt werden aber die ersten Affen Opfer.

Virus aus Wuhan, Schweinegrippe, Affenpocken: was solche Namen für Viren oder Krankheiten auslösen können, ist bekannt. Als das neuartige Coronavirus von Wuhan in China aus Anfang 2020 in der Welt ausbreitete, wurden vielerorts Menschen ausgegrenzt, die für Chinesen gehalten wurden. Wegen der Schweinegrippe 2009 wurden in vielen Ländern Millionen Schweine geschlachtet, und wegen der Affenpocken sind jetzt in Brasilien die ersten Affen mit Steinen und Gift attackiert worden – alles irrationale Reaktionen in der irrigen Annahme, man könne sich dadurch vor einer neuen Gefahr schützen.

Die WHO macht seit Wochen Druck, dass der Name Affenpocken geändert wird. Aber sind so einprägsame Bezeichnungen nicht besser als Buchstaben- und Zahlenkombinationen wie H1N1 für Schweinegrippe oder Sars-CoV-2 für das Coronavirus? „Was einfach ist, ist ja nicht notwendigerweise geboten“, sagt Richard Neher vom Biozentrum der Universität Basel der Deutschen Presse-Agentur.

Er unterzeichnete im Juni einen Aufruf, neutrale Namen für Affenpocken-Untergruppen zu finden und nicht von „Westafrika“- oder „Kongobecken“-Gruppen zu reden. Damit werde der falsche Eindruck erweckt, die jüngsten Ausbrüche überwiegend in Europa, den USA und Brasilien hätten etwas mit Afrika zu tun, heißt es darin. Das sei diskriminierend und stigmatisierend. Die mehr als zwei Dutzend Viirologinnen und Virologen kritisierten, dass dazu auch noch oft mit Fotos afrikanischer Patienten gestellt werden würden.

Schwierig einen neuen Namen zu finden

„Das Problem mit den geografischen Bezeichnungen ist zum einen, dass sie oft nicht stimmen, zum anderen, dass sie oft dazu führen, dass die Orte, nach denen die Erreger benannt werden, Nachteile erfahren“, sagt Neher. Zum Beispiel, dass Reisen in die Regionen vermieden werden. Zudem würden Länder, die Krankheiten gut überwachen und etwa neue Virenvarianten entdecken und beschreiben, bestraft, wenn die neue Variante dann nach dem Land benannt werde. Die legendäre Spanische Grippe 1918 etwa wurde zwar von Spanien als erstes gemeldet, die ersten Fälle traten aber schon früher in den USA auf, wie die US-Gesellschaft für Mikrobiologie (ASM) berichtet.

Dass sich Begriffe wie Schweinegrippe oder Wuhan-Virus schnell durchsetzten, sei menschlich, schrieb Susan Hardy, Dozentin für Sozialwissenschaften auf der Webseite der Universität von Sydney. „Angst braucht einen Namen, und etwas zu benennen suggeriert, dass etwas getan wird.“ Es gehe auch um die Suche nach Sündenböcken.

Bei der neuen Influenza-Virusvariante 2009 waren es die Schweine, obwohl das Virus auch Menschen infiziert und von Mensch zu Mensch übertragen werden kann. Beim Coronavirus sprach nicht nur der damalige US-Präsident Donald Trump vom „Wuhan-“ oder „China Virus“, um Peking Schuld an der Ausbreitung zuzuschieben. Er verlangte explizit, China müsse zur Rechenschaft gezogen werden.

Seit 2015 hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Richtlinien, um zu verhindern, dass Krankheitsnamen negative Folgen für Handel, Reisen, Tourismus oder Tierwohl haben oder kulturelle, soziale, regionale oder ethnische Gruppen womöglich an den Pranger stellen.

Natürliche Wirte sind aber Nagetiere – keine Affen

Das Affenpockenvirus heißt so, weil es in den 1950er Jahren in Dänemark erstmals in Affen nachgewiesen wurde. Es hätte auch dänisches Virus heißen können, wie das Marburg-Virus, das so heißt, weil es in den 1960er Jahren der hessischen Stadt identifiziert wurde. Bei den Affenpocken ist heute klar, dass sich zwar Affen – wie Menschen – infizieren können. Natürliche Wirte sind aber Nagetiere. Bei der jüngsten Ausbreitung wird das Virus durch engen Körperkontakt zwischen Menschen übertragen und hat mit Affen nichts zu tun.

Für die Virus-Bezeichnung ist ein Gremium aus Hunderten Virologen (ICTV) zuständig. Sie haben auch das Coronavirus Sars-CoV-2 benannt. Krankheitsnamen beschließt die WHO. Sie nannte etwa die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Krankheit Covid-19.

Womöglich kann es den ein oder anderen Affen schützen, wenn der Name geändert wird. Doch auch bei Gelbfieber-Ausbrüchen wurden in Brasilien Affen angegriffen.

Die Stigmatisierung und Diskriminierung der von einer Krankheit Betroffenen ist noch eine ganz andere Sache. Die in den 80er Jahren zuerst bei schwulen Männern in den USA festgestellte Immunschwäche wurde zunächst Grid genannt – für gay-related immune deficiency – etwa: mit Schwulen in Verbindung stehende Immunschwäche. Obwohl seit langem bekannt ist, dass sich die Krankheit keineswegs auf schwule Männer beschränkt, hat die Änderung des Namens in Aids (acquired immune deficiency syndrome – etwa: erworbenes Immunschwächesyndrom) zunächst kaum etwas bewirkt. Noch über viele Jahre sind Menschen von Schwulen aus Angst vor einer Ansteckung abgerückt.

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Affenpocken Afrika Brasilien China Coronavirus Deutsche Presse-Agentur Europa Richard Neher Sars-Cov-2 Schweine Schweinegrippe Universität Basel USA Virus Westafrika WHO Wuhan

Namenssuche: Aus Angst vor Affenpocken: Angriffe auf Affen in Brasilien

Seit die einst obskuren Affenpocken sich in der Welt ausbreiten, warnen Experten wegen des Namens. Krankheitsnamen sollen nichts und niemanden stigmatisieren. Jetzt werden aber die ersten Affen Opfer.

Virus aus Wuhan, Schweinegrippe, Affenpocken: was solche Namen für Viren oder Krankheiten auslösen können, ist bekannt. Als das neuartige Coronavirus von Wuhan in China aus Anfang 2020 in der Welt ausbreitete, wurden vielerorts Menschen ausgegrenzt, die für Chinesen gehalten wurden. Wegen der Schweinegrippe 2009 wurden in vielen Ländern Millionen Schweine geschlachtet, und wegen der Affenpocken sind jetzt in Brasilien die ersten Affen mit Steinen und Gift attackiert worden – alles irrationale Reaktionen in der irrigen Annahme, man könne sich dadurch vor einer neuen Gefahr schützen.

Die WHO macht seit Wochen Druck, dass der Name Affenpocken geändert wird. Aber sind so einprägsame Bezeichnungen nicht besser als Buchstaben- und Zahlenkombinationen wie H1N1 für Schweinegrippe oder Sars-CoV-2 für das Coronavirus? „Was einfach ist, ist ja nicht notwendigerweise geboten“, sagt Richard Neher vom Biozentrum der Universität Basel der Deutschen Presse-Agentur.

Er unterzeichnete im Juni einen Aufruf, neutrale Namen für Affenpocken-Untergruppen zu finden und nicht von „Westafrika“- oder „Kongobecken“-Gruppen zu reden. Damit werde der falsche Eindruck erweckt, die jüngsten Ausbrüche überwiegend in Europa, den USA und Brasilien hätten etwas mit Afrika zu tun, heißt es darin. Das sei diskriminierend und stigmatisierend. Die mehr als zwei Dutzend Viirologinnen und Virologen kritisierten, dass dazu auch noch oft mit Fotos afrikanischer Patienten gestellt werden würden.

Schwierig einen neuen Namen zu finden

„Das Problem mit den geografischen Bezeichnungen ist zum einen, dass sie oft nicht stimmen, zum anderen, dass sie oft dazu führen, dass die Orte, nach denen die Erreger benannt werden, Nachteile erfahren“, sagt Neher. Zum Beispiel, dass Reisen in die Regionen vermieden werden. Zudem würden Länder, die Krankheiten gut überwachen und etwa neue Virenvarianten entdecken und beschreiben, bestraft, wenn die neue Variante dann nach dem Land benannt werde. Die legendäre Spanische Grippe 1918 etwa wurde zwar von Spanien als erstes gemeldet, die ersten Fälle traten aber schon früher in den USA auf, wie die US-Gesellschaft für Mikrobiologie (ASM) berichtet.

Dass sich Begriffe wie Schweinegrippe oder Wuhan-Virus schnell durchsetzten, sei menschlich, schrieb Susan Hardy, Dozentin für Sozialwissenschaften auf der Webseite der Universität von Sydney. „Angst braucht einen Namen, und etwas zu benennen suggeriert, dass etwas getan wird.“ Es gehe auch um die Suche nach Sündenböcken.

Bei der neuen Influenza-Virusvariante 2009 waren es die Schweine, obwohl das Virus auch Menschen infiziert und von Mensch zu Mensch übertragen werden kann. Beim Coronavirus sprach nicht nur der damalige US-Präsident Donald Trump vom „Wuhan-“ oder „China Virus“, um Peking Schuld an der Ausbreitung zuzuschieben. Er verlangte explizit, China müsse zur Rechenschaft gezogen werden.

Seit 2015 hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Richtlinien, um zu verhindern, dass Krankheitsnamen negative Folgen für Handel, Reisen, Tourismus oder Tierwohl haben oder kulturelle, soziale, regionale oder ethnische Gruppen womöglich an den Pranger stellen.

Natürliche Wirte sind aber Nagetiere – keine Affen

Das Affenpockenvirus heißt so, weil es in den 1950er Jahren in Dänemark erstmals in Affen nachgewiesen wurde. Es hätte auch dänisches Virus heißen können, wie das Marburg-Virus, das so heißt, weil es in den 1960er Jahren der hessischen Stadt identifiziert wurde. Bei den Affenpocken ist heute klar, dass sich zwar Affen – wie Menschen – infizieren können. Natürliche Wirte sind aber Nagetiere. Bei der jüngsten Ausbreitung wird das Virus durch engen Körperkontakt zwischen Menschen übertragen und hat mit Affen nichts zu tun.

Für die Virus-Bezeichnung ist ein Gremium aus Hunderten Virologen (ICTV) zuständig. Sie haben auch das Coronavirus Sars-CoV-2 benannt. Krankheitsnamen beschließt die WHO. Sie nannte etwa die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Krankheit Covid-19.

Womöglich kann es den ein oder anderen Affen schützen, wenn der Name geändert wird. Doch auch bei Gelbfieber-Ausbrüchen wurden in Brasilien Affen angegriffen.

Die Stigmatisierung und Diskriminierung der von einer Krankheit Betroffenen ist noch eine ganz andere Sache. Die in den 80er Jahren zuerst bei schwulen Männern in den USA festgestellte Immunschwäche wurde zunächst Grid genannt – für gay-related immune deficiency – etwa: mit Schwulen in Verbindung stehende Immunschwäche. Obwohl seit langem bekannt ist, dass sich die Krankheit keineswegs auf schwule Männer beschränkt, hat die Änderung des Namens in Aids (acquired immune deficiency syndrome – etwa: erworbenes Immunschwächesyndrom) zunächst kaum etwas bewirkt. Noch über viele Jahre sind Menschen von Schwulen aus Angst vor einer Ansteckung abgerückt.

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Coronavirus COVID - 19 Peking Tiermarkt Wuhan

Studien: Coronavirus kam wahrscheinlich vom Tiermarkt in Wuhan

Forscher haben festgestellt, dass sich die frühesten Covid-19-Fälle auf einem Markt unter den Händlern konzentrierten, die lebende Tiere verkauften.

Zwei neue Studien untermauern die Annahme, dass das Coronavirus von einem Tiermarkt der chinesischen Metropole Wuhan stammt – und nicht aus einem chinesischen Labor.

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Brasilien China Christian Drosten Coronavirus Genf Infektion Laborunfall Russland Sars-Cov-2 Untersuchung Virus Weltgesundheitsorganisation WHO Wissenschaftsrat Wuhan

2019 erste Infektionen: WHO-Expertenrat fordert: Labor-These zum Corona-Ursprung weiter untersuchen

Die Suche nach dem Coronavirus-Ursprung ist zäh. China fühlt sich zu Unrecht an den Pranger gestellt. Ein reiner Wissenschaftsrat sollte helfen. Dort verhindern aber China, Russland und Brasilien Konsens.

Auf der Suche nach dem Ursprung des Coronavirus Sars-CoV-2 muss nach Meinung eines neuen Expertenrates auch die Möglichkeit eines Entweichens aus einem Labor untersucht werden. Das hat der unabhängige Expertenrat (SAGO) am Donnerstag in Genf empfohlen, den die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Oktober 2021 ins Leben rief. Mitglied ist auch der Berliner Virenforscher Christian Drosten. Es seien weitere Studien erforderlich, um auch „die Möglichkeit einer Einschleppung von Sars-CoV-2 in die menschliche Bevölkerung durch einen Laborunfall zu bewerten“.

Bei den Untersuchungen zum Ursprung des Coronavirus seien noch viele wichtige Fragen offen, erklärte das Gremium. Die wahrscheinlichste Theorie sei weiterhin, dass das Coronavirus von einem Tier über einen Zwischenwirt auf den Menschen übergesprungen sei – auch wenn der ursprüngliche Wirt, der oder die Zwischenwirte und der genaue Übertragungsweg immer noch nicht geklärt seien.STERN PAID Interview Virologe Becker 21.00

Corona-Ursprung: Labor-These eine von vielen

In Wuhan in China, wo Ende 2019 die ersten Sars-CoV-2-Fälle auftauchten, wird an Coronaviren geforscht. Zu den nötigen Untersuchungen gehöre eine „Bewertung potenzieller Szenarien, in denen ein Versagen der Biosicherheitsverfahren zu einer möglichen laborbedingten Infektion mit dem untersuchten Erreger geführt hat“, heißt es in dem Bericht. Die Empfehlung sage nichts darüber aus, wie wahrscheinlich die Labor-These sei, betonte die Ratsvorsitzende Marietjie Venter. Auch um sie zu widerlegen, seien Untersuchungen aber nötig.

„Dass es in dem Bericht steht, bedeutet nicht, dass wir es definitiv glauben“, sagte sie mit Blick auf die Labor-These. Ihr Kollege Jean-Claude Manuguerra fügte hinzu: „Wir müssen offen sein und alle Hypothesen prüfen, einschließlich dieser einen.“

Die SAGO-Experten fordern unter anderem Zugang zu Personal und Daten von Forschungslaboren in China und anderen Ländern, die mit Coronaviren arbeiten, um deren Sicherheitsvorkehrungen zu überprüfen.Tiere und Corona: Welche infizieren sich 10.35

Wissenschaftler aus China, Russland und Brasilien verhindern Konsens

Drei Mitglieder des knapp 30-köpfigen Gremiums wollten diese Empfehlung aber nicht mittragen: Die Wissenschaftler aus China, Russland und Brasilien hielten ihre Ablehnung in einer Fußnote des Berichtes fest. China weist die These zurück, dass das Virus aus einem chinesischen Labor stammen könnte. Und Peking lehnt die Anreise einer weiteren internationalen Expertengruppe zur Suche nach dem Virusursprung ab. Dem Rat hätten zahlreiche chinesische Wissenschaftler angehört. Es seien dennoch zahlreiche Fragen offen, sagte Venter – etwa über die Märkte in Wuhan, die Herkunft von Tieren und frühe mögliche Corona-Infizierte in China.

Man werde alles tun, um die SAGO-Empfehlungen umzusetzen, sagte WHO-Corona-Expertin Maria van Kerkhove. Dazu sei aber die Kooperation der Länder nötig.

Spannungen zwischen China und USA verhinderten Experten-Rise

Der Rat soll Richtlinien entwickeln, damit künftige Untersuchungen bei Pandemieausbrüchen zügiger begonnen werden können. Beim Coronavirus gab es Spannungen vor allem zwischen China und den USA. Der frühere US-Präsident Donald Trump gab China Schuld an der Ausbreitung des Virus.

Wegen der Spannungen konnten die internationalen Experten erst 2021 in China einreisen – mehr als ein Jahr nach Entdeckung des Virus. Der von den Experten vorgelegte Bericht lieferte aber keine klaren Ergebnisse zum Ursprung der Pandemie. Die sogenannte Labor-These stuften die WHO-Experten als „extrem unwahrscheinlich“ ein.

An dem Bericht und der Untersuchung selbst waren aber schnell Zweifel und Kritik laut geworden. Viele Länder äußerten Besorgnis darüber, dass den internationalen Experten bei ihrer Untersuchung in China Zugang zu wichtigen Daten verwehrt worden sei. Weitere Untersuchungen, wie auch von WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus gefordert wurden, lehnt die chinesische Regierung bisher vehement ab.

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Covid-19: WHO fordert Prüfung von Laborthese zum Virus-Ursprung

Die Suche nach dem Coronavirus-Ursprung ist zäh. China fühlt sich zu Unrecht an den Pranger gestellt. Ein reiner Wissenschaftsrat sollte helfen. Dort verhindern aber China, Russland und Brasilien Konsens.

Auf der Suche nach dem Ursprung des Coronavirus Sars-CoV-2 muss nach Meinung eines neuen Expertenrates auch die Möglichkeit eines Entweichens aus einem Labor untersucht werden.

Das hat der unabhängige Expertenrat (SAGO) in Genf empfohlen, den die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Oktober 2021 ins Leben rief. Mitglied ist auch der Berliner Virenforscher Christian Drosten.

In Wuhan in China, wo Ende 2019 die ersten Sars-CoV-2-Fälle auftauchten, wird an Coronaviren geforscht. Zu den nötigen Untersuchungen gehöre eine «Bewertung potenzieller Szenarien, in denen ein Versagen der Biosicherheitsverfahren zu einer möglichen laborbedingten Infektion mit dem untersuchten Erreger geführt hat», heißt es in dem Bericht. Die Empfehlung sage nichts darüber aus, wie wahrscheinlich die Labor-These sei, betonte die Ratsvorsitzende Marietjie Venter. Auch um sie zu widerlegen, seien Untersuchungen aber nötig. Die wahrscheinlichste These sei weiter, dass das Virus von einem Tier über einen Zwischenwirt auf Menschen übersprang.

Ablehnung aus China, Brasilien, Russland

Drei Mitglieder des knapp 30-köpfigen Gremiums wollten diese Empfehlung aber nicht mittragen: Die Wissenschaftler aus China, Russland und Brasilien hielten ihre Ablehnung in einer Fußnote des Berichtes fest. China weist die Theorie zurück, dass das Virus aus einem chinesischen Labor stammen könnte. Und Peking lehnt die Anreise einer weiteren internationalen Expertengruppe zur Suche nach dem Virusursprung ab. Dem Rat hätten zahlreiche chinesische Wissenschaftler angehört. Es seien dennoch zahlreiche Fragen offen, sagte Venter – etwa über die Märkte in Wuhan, die Herkunft von Tieren und frühe mögliche Corona-Infizierte in China.

Der Rat soll Richtlinien entwickeln, damit künftige Untersuchungen bei Pandemieausbrüchen zügiger begonnen werden können. Beim Coronavirus gab es Spannungen vor allem zwischen China und den USA. Der frühere US-Präsident Donald Trump gab China Schuld an der Ausbreitung des Virus. Wegen der Spannungen konnten die internationalen Experten erst 2021 in China einreisen.

Man werde alles tun, um die SAGO-Empfehlungen umzusetzen, sagte WHO-Corona-Expertin Maria van Kerkhove. Dazu sei aber die Kooperation der Länder nötig.

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China Corona-Welle Covid Guangzhou Hygiene Impfstoff Lockdown Massentest Omikron Peking Quarantäne SARS Shanghai Wuhan Xi Jinping Zensur

China: Könnte Xi Jinpings Null-Covid-Strategie zur Gefahr für ihn werden?

China hält seit Beginn der Corona-Pandemie an einer Null-Covid-Strategie fest. Doch mit dem Aufkommen der Omikron-Variante gerät sie ins Wanken. In Shanghai reagieren viele Bewohner wütend auf den harten Lockdown. Wird seine Corona-Politik für Xi Jinping gefährlich?

In China sah es nach der ersten Corona-Welle lange nach „Normalität“ aus. Es gab Konzerte und Festivals mit dicht gedrängten Massen und ohne Masken. Etwas, was in Europa und anderen Teilen der Welt lange Zeit undenkbar war.

Für die politische Führung in China war das auf die Null-Covid-Strategie des Landes zurückzuführen. Das heißt: strikte Lockdowns und Quarantäne, geschlossene Grenzen, Massentests. Das Konzept ging lange auf. Doch mit Omikron sieht China sich mit dem schlimmsten Corona-Ausbruch seit dem Höhepunkt der ersten Welle Anfang 2020 konfrontiert. Null-Covid stößt an seine Grenzen.

Alles so wie vor Corona: das Strawberry Music Festival in Wuhan am 1. Mai 2021.
Alles so wie vor Corona: das Strawberry Music Festival in Wuhan am 1. Mai 2021.
© STR

In der Wirtschaftsmetropole Shanghai an der chinesischen Ostküste etwa haben das Millionen von Menschen zu spüren bekommen: Die Behörden verhängten einen strengen Lockdown über mehrere Stadtviertel.

Trotz der strikten Maßnahmen wurden in Shanghai Dutzende Todesfälle und Tausende Neuinfektionen gemeldet. Seit Anfang April dürfen die meisten der rund 25 Millionen Einwohner:innen ihre Wohnungen und Häuser so gut wie nicht verlassen. Dennoch bekommt die Stadt den Ausbruch nicht in den Griff.STERN PAID Deutscher in Corona-Isolation in Shanghai 12.32

Massentests in Peking und Guangzhou

Die Verwaltung hat dabei große Schwierigkeiten, die Konsequenzen für die Eingeschlossenen abzufedern: Die Stadt hat Mühe, ihre Bewohner:innen mit frischen Lebensmitteln zu versorgen oder ärztlich betreuen zu lassen, weil die Gesundheitsdienste in erster Linie für Corona-Tests und -Behandlungen gebraucht werden.

In Peking sind die dortigen Behörden inzwischen über wachsende Infektionszahlen alarmiert. Die Behörden warnten vor „düsteren“ Zeiten, Massentests wurden ausgeweitet. Trotz der geringen Zahl ging die Angst um, dass auch Peking ähnlich wie Shanghai zuvor in einen teilweisen oder ganzen Lockdown gehen könnte. Mehrere Nachbarschaften wurden bereits abgeriegelt. Am Donnerstag wurden 50 Corona-Neuinfektionen aus der chinesischen Hauptstadt gemeldet, landesweit waren es laut Gesundheitsministerium mehr als 11.000 Fälle.

Die Anordnung der Tests im Pekinger Innenstadtbezirk Chaoyang hatte Panikkäufe in den Supermärkten ausgelöst. Auch die chinesische Millionenstadt Guangzhou hat nach einem Corona-Verdachtsfall am Donnerstag Massentests bei 5,6 Millionen Menschen veranlasst und hunderte Flüge gestrichen.

Mehrere Gründe für Null-Covid-Strategie in China

Chinas Staatschef Xi Jinping will von einem Ende der rigiden Eindämmungen trotz der vielen Probleme in Shanghai nichts wissen. Noch vergangene Woche betonte er beim Boao-Wirtschaftsforum, dass weiterhin „mühevolle Anstrengungen“ nötig seien, um das Coronavirus unter Kontrolle zu bringen.Infokasten China

„Chinas Null-Covid-Strategie ist zum einen in der geringen Effektivität der chinesischen Impfstoffe, dem großen Anteil nicht ausreichend durch Impfungen geschützter älterer Personen und den begrenzten Kapazitäten des chinesischen Gesundheitssystems begründet“, erklärt Dr. Sandra Heep, Professorin für Wirtschaft und Gesellschaft Chinas an der Hochschule Bremen, dem stern. „Zum anderen aber ist das Pandemiemanagement in China stark politisiert, und die Fähigkeit zur Beibehaltung der Null-Covid-Strategie wird als Beweis für die Überlegenheit des chinesischen politischen Systems dargestellt. Daher besteht aus Sicht der chinesischen Führung die Gefahr, dass ein Strategiewechsel als Eingeständnis des Scheiterns aufgefasst werden könnte. Einer Abkehr von der Null-Covid-Strategie stehen somit beträchtliche politische Hürden im Weg.“

Der Ursprung in der Null-Covid-Strategie habe auch historische Wurzeln, erklärt Dr. Angelika Messner, Professorin am Chinazentrum der Universität Kiel, dem stern. „Die Entwicklung des modernen China baut auf drei Säulen auf: Hygiene, Wissenschaft und Mobilisierung der Massen durch Kampagnen.“ So habe man in China etwa schon im frühen 20. Jahrhundert Maßnahmen wie Quarantäne eingesetzt, etwa bei der Beulenpest in der Mandschurei. Dass China auch viele hochqualifizierte Epidemiologen und Expertinnen hat, zeigte sich etwa auch bei Corona. „Die Sars-Pandemie im Jahr 2002/2003 hat man nicht vergessen. Man war gut vorbereitet. Außerdem wollte China eine Vorbildfunktion in der Welt bei der Pandemiebekämpfung einnehmen.“100 Jahre KP china 14.50

Shanghai: Wut in sozialen Netzwerken

Ein weiterer Faktor für die Erklärung der Null-Covid-Strategie sei die Fürsorge, so Messner. China sei ein Staat mit zentraler Regierung und großer Bevölkerungszahl. „Die Fürsorge für die gesamte Bevölkerung ist eine tragende Legitimation für Xi.“ Zudem gab es einen Wettlauf mit westlichen Staaten, um zu zeigen, dass man Kranke und Tote verhindert. Auch die Identifikation mit Gemeinwesen habe in China gut funktioniert.

Dennoch gebe es in China Experten, die sagen, wir „müssen mit Covid leben“, sagt Messner. Wenn man Omikron als „Grippe“ einstufe, könne man aus den Lockdowns. Allerdings werde man bei der Strategie jetzt schon „weicher“ – so würden zum Teil nur einzelne Stadtteile abgeriegelt und nicht die ganze Stadt.

In Online-Netzwerken machen aber dennoch immer mehr Menschen ihrem Ärger über die Lockdowns Luft. Ein sechsminütiges Video rief etwa die chinesische Zensur auf den Plan. Allerdings hatten die Zensoren Mühe, das Video zu löschen, weil Internetnutzer es auf verschiedenen Cloud-Servern immer wieder neu hochluden.

Video Shanghai

Einfache Schwarz-Weiß-Luftaufnahmen vom menschenleeren Shanghai sind in dem Video zunächst unterlegt mit Presseerklärungen, in denen die Behörden zu Beginn des Corona-Ausbruchs im März noch versichern, dass sie einen Lockdown in der Metropole wegen der wirtschaftlichen Auswirkungen ablehnen.

Es folgen Tonaufnahmen von Klagen eines Mannes, dessen kranker Vater in keinem Krankenhaus behandelt wird, von einer Frau, die nach einer Chemotherapie im Krankenhaus nicht nach Hause zurückkehren darf oder von einer Mutter, die ihre Nachbarn mitten in der Nacht um fiebersenkende Mittel für ihr Baby anfleht.

„Massivste öffentliche Zurschaustellung von Wut“ seit 2012

Als das Video tatsächlich von allen Online-Plattformen in China verschwunden war, reagierten viele Internetnutzer mit Unverständnis und Empörung. „Das Video zeigt nur nackte Tatsachen. Es gibt nichts Provokantes“, kritisierte einer von ihnen. „Der Inhalt ist nicht neu – aber die Tatsache, dass sogar das zensiert wird, beunruhigt mich“, schrieb ein anderer.

„Wenn man sich die Anzahl der Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund ansieht, die sich zu Wort gemeldet haben, und die Intensität ihrer Äußerungen, war dies die massivste öffentliche Zurschaustellung von Wut, seit Xi 2012 an die Macht kam“, sagte Yang Chaohui, Dozent für Politikwissenschaft an der renommierten Peking-Universität der Nachrichtenagentur Reuters.

Hat die Wut der Chines:innen über die Lockdowns das Potenzial, gefährlich für Xi Jinping zu werden? 

„Auf keinen Fall kurzfristig“, ist sich China-Expertin Messner sicher. Vor dem Parteitag im Herbst 2022 werde nichts in diese Richtung geschehen. „Vielleicht nächstes Jahr, man muss da auch den Krieg in der Ukraine mit im Blick behalten.“

„Die chaotische Situation in Shanghai wirft ein schlechtes Licht auf die Kommunistische Partei, die sich als Hüterin der politischen und gesellschaftlichen Stabilität in China versteht“, resümiert Professorin Heep.STERN PAID Lockdown Shanghai 12.30

Ausbreitung der Proteste unwahrscheinlich, so Expertinnen

Die logistischen Probleme, die zu Engpässen bei der Lebensmittelversorgung führen, hätten die Bevölkerung in Shanghai überrascht und ließen sich „schwerlich mit dem Image der Kommunistischen Partei als Garantin wirtschaftlichen Wohlstands vereinbaren“. Aber: „Dass die Situation in Shanghai für Xi persönlich zum Problem wird, ist eher unwahrscheinlich. Denn die chinesische Führung macht die Politiker in Shanghai für das schlechte Pandemiemanagement verantwortlich. Auf lokaler Ebene könnte es daher durchaus personelle Konsequenzen geben“, meint Heep.

Auch ein Ausbreiten der Proteste hält die Professorin für unwahrscheinlich. „Angesichts der Intensität der Überwachung in China und der enormen Risiken, die mit physischen Protesten in Chinas zunehmend repressivem Regime einhergehen, ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass es in der physischen Welt zu Protesten in großem Stil kommen wird.“

Die Ausweitung der Proteste hält Messner ebenfalls für unwahrscheinlich. „Ich glaube schon, dass man alles tun wird, um diese Proteste zu schlichten. Es gibt zwar immer wieder in China kleinere Proteste. Ich denke aber nicht, dass solche Proteste so schnell auf die Straße übertragen werden. Mehr als 80 Prozent der Chines:innen stehen hinter Xi. Xi ist der Landesvater für China. Die Klassifizierung, Omikron als harmloser einzustufen, könnte da eine Lösung sein, um Proteste einzudämmen.“Lockdown in Shanghai 21.15

Sorge in der Wirtschaft

Im Rest der Welt wächst unterdessen die Besorgnis darüber, wie sich die Corona-Lage in China auf die Lieferketten auswirken könnte. Die ständigen Lockdowns haben der Wirtschaft geschadet und unter anderem zu Rückstau im weltweit verkehrsreichsten Containerhafen in Shanghai geführt. Hinzu kommt, dass derzeit massenhaft Ausländer das Land verlassen. Viele internationale Unternehmen haben Mühe, ihre ausländischen Arbeitskräfte in China zu halten und neue anzuwerben.

Die britische Handelskammer sieht die Risiken in China für die Wirtschaft „auf dem höchsten Niveau seit 2020“. Jens Hildebrandt von der deutschen Auslandshandelskammer in Peking warnt, die Lockdown-Maßnahmen würden „langfristig Spuren hinterlassen“.

Kommunistische Partei will Erfolge vorweisen

Im Herbst diesen Jahres wird sich Xi Jinping höchstwahrscheinlich für fünf weitere Jahre in seinem Amt als Generalsekretär der Kommunistischen Partei bestätigen lassen. „Vor diesem Hintergrund ist es für die KP in diesem Jahr besonders wichtig, politische und wirtschaftliche Erfolge vorzuweisen und sich als Garantin für Stabilität und Wohlstand inszenieren zu können. Zurzeit sieht es nicht so aus, als könnte die KP diesen Ansprüchen bis zum Herbst gerecht werden“, meint Heep.STERN PAID 14_22 Titel Pekings Drang zur Weltmacht 09.11

Denn zur wachsenden Unzufriedenheit mit dem Pandemiemanagement kämen wirtschaftliche Probleme hinzu. Auch das Vorgehen gegen Spekulationen im Immobiliensektor und die zunehmenden politisch motivierten Eingriffe in das Wirtschaftsgeschehen führten zu einem verlangsamten Wachstum, so Heep weiter. „Mittelfristig wird auch Chinas rhetorische Unterstützung des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine wirtschaftliche Konsequenzen haben, da sie bereits bestehende Tendenzen zur Blockbildung verschärft. Diese Vielzahl von Problemen trübt Xis Ansehen sicherlich auch in den Augen eines Teils der politischen Eliten in Beijing.“

Anzeichen, dass Xis Machterhalt in Gefahr ist, seien bisher allerdings nicht nach außen gedrungen, erklärt Heep. „Sollte es zu einer Verschärfung der politischen und wirtschaftlichen Probleme kommen, ist zu erwarten, dass die KP noch entschlossener gegen Kritik innerhalb Chinas vorgehen und gleichzeitig versuchen wird, ihre Legitimität durch zunehmende Aggression nach außen zu stärken.“

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China Corona-Welle Covid Guangzhou Hygiene Impfstoff Lockdown Massentest Omikron Peking Quarantäne SARS Shanghai Wuhan Xi Jinping Zensur

China: Könnte Xi Jinpings Null-Covid-Strategie zur Gefahr für ihn werden?

China hält seit Beginn der Corona-Pandemie an einer Null-Covid-Strategie fest. Doch mit dem Aufkommen der Omikron-Variante gerät sie ins Wanken. In Shanghai reagieren viele Bewohner wütend auf den harten Lockdown. Wird seine Corona-Politik für Xi Jinping gefährlich?

In China sah es nach der ersten Corona-Welle lange nach „Normalität“ aus. Es gab Konzerte und Festivals mit dicht gedrängten Massen und ohne Masken. Etwas, was in Europa und anderen Teilen der Welt lange Zeit undenkbar war.

Für die politische Führung in China war das auf die Null-Covid-Strategie des Landes zurückzuführen. Das heißt: strikte Lockdowns und Quarantäne, geschlossene Grenzen, Massentests. Das Konzept ging lange auf. Doch mit Omikron sieht China sich mit dem schlimmsten Corona-Ausbruch seit dem Höhepunkt der ersten Welle Anfang 2020 konfrontiert. Null-Covid stößt an seine Grenzen.

Alles so wie vor Corona: das Strawberry Music Festival in Wuhan am 1. Mai 2021.
Alles so wie vor Corona: das Strawberry Music Festival in Wuhan am 1. Mai 2021.
© STR

In der Wirtschaftsmetropole Shanghai an der chinesischen Ostküste etwa haben das Millionen von Menschen zu spüren bekommen: Die Behörden verhängten einen strengen Lockdown über mehrere Stadtviertel.

Trotz der strikten Maßnahmen wurden in Shanghai Dutzende Todesfälle und Tausende Neuinfektionen gemeldet. Seit Anfang April dürfen die meisten der rund 25 Millionen Einwohner:innen ihre Wohnungen und Häuser so gut wie nicht verlassen. Dennoch bekommt die Stadt den Ausbruch nicht in den Griff.STERN PAID Deutscher in Corona-Isolation in Shanghai 12.32

Massentests in Peking und Guangzhou

Die Verwaltung hat dabei große Schwierigkeiten, die Konsequenzen für die Eingeschlossenen abzufedern: Die Stadt hat Mühe, ihre Bewohner:innen mit frischen Lebensmitteln zu versorgen oder ärztlich betreuen zu lassen, weil die Gesundheitsdienste in erster Linie für Corona-Tests und -Behandlungen gebraucht werden.

In Peking sind die dortigen Behörden inzwischen über wachsende Infektionszahlen alarmiert. Die Behörden warnten vor „düsteren“ Zeiten, Massentests wurden ausgeweitet. Trotz der geringen Zahl ging die Angst um, dass auch Peking ähnlich wie Shanghai zuvor in einen teilweisen oder ganzen Lockdown gehen könnte. Mehrere Nachbarschaften wurden bereits abgeriegelt. Am Donnerstag wurden 50 Corona-Neuinfektionen aus der chinesischen Hauptstadt gemeldet, landesweit waren es laut Gesundheitsministerium mehr als 11.000 Fälle.

Die Anordnung der Tests im Pekinger Innenstadtbezirk Chaoyang hatte Panikkäufe in den Supermärkten ausgelöst. Auch die chinesische Millionenstadt Guangzhou hat nach einem Corona-Verdachtsfall am Donnerstag Massentests bei 5,6 Millionen Menschen veranlasst und hunderte Flüge gestrichen.

Mehrere Gründe für Null-Covid-Strategie in China

Chinas Staatschef Xi Jinping will von einem Ende der rigiden Eindämmungen trotz der vielen Probleme in Shanghai nichts wissen. Noch vergangene Woche betonte er beim Boao-Wirtschaftsforum, dass weiterhin „mühevolle Anstrengungen“ nötig seien, um das Coronavirus unter Kontrolle zu bringen.Infokasten China

„Chinas Null-Covid-Strategie ist zum einen in der geringen Effektivität der chinesischen Impfstoffe, dem großen Anteil nicht ausreichend durch Impfungen geschützter älterer Personen und den begrenzten Kapazitäten des chinesischen Gesundheitssystems begründet“, erklärt Dr. Sandra Heep, Professorin für Wirtschaft und Gesellschaft Chinas an der Hochschule Bremen, dem stern. „Zum anderen aber ist das Pandemiemanagement in China stark politisiert, und die Fähigkeit zur Beibehaltung der Null-Covid-Strategie wird als Beweis für die Überlegenheit des chinesischen politischen Systems dargestellt. Daher besteht aus Sicht der chinesischen Führung die Gefahr, dass ein Strategiewechsel als Eingeständnis des Scheiterns aufgefasst werden könnte. Einer Abkehr von der Null-Covid-Strategie stehen somit beträchtliche politische Hürden im Weg.“

Der Ursprung in der Null-Covid-Strategie habe auch historische Wurzeln, erklärt Dr. Angelika Messner, Professorin am Chinazentrum der Universität Kiel, dem stern. „Die Entwicklung des modernen China baut auf drei Säulen auf: Hygiene, Wissenschaft und Mobilisierung der Massen durch Kampagnen.“ So habe man in China etwa schon im frühen 20. Jahrhundert Maßnahmen wie Quarantäne eingesetzt, etwa bei der Beulenpest in der Mandschurei. Dass China auch viele hochqualifizierte Epidemiologen und Expertinnen hat, zeigte sich etwa auch bei Corona. „Die Sars-Pandemie im Jahr 2002/2003 hat man nicht vergessen. Man war gut vorbereitet. Außerdem wollte China eine Vorbildfunktion in der Welt bei der Pandemiebekämpfung einnehmen.“100 Jahre KP china 14.50

Shanghai: Wut in sozialen Netzwerken

Ein weiterer Faktor für die Erklärung der Null-Covid-Strategie sei die Fürsorge, so Messner. China sei ein Staat mit zentraler Regierung und großer Bevölkerungszahl. „Die Fürsorge für die gesamte Bevölkerung ist eine tragende Legitimation für Xi.“ Zudem gab es einen Wettlauf mit westlichen Staaten, um zu zeigen, dass man Kranke und Tote verhindert. Auch die Identifikation mit Gemeinwesen habe in China gut funktioniert.

Dennoch gebe es in China Experten, die sagen, wir „müssen mit Covid leben“, sagt Messner. Wenn man Omikron als „Grippe“ einstufe, könne man aus den Lockdowns. Allerdings werde man bei der Strategie jetzt schon „weicher“ – so würden zum Teil nur einzelne Stadtteile abgeriegelt und nicht die ganze Stadt.

In Online-Netzwerken machen aber dennoch immer mehr Menschen ihrem Ärger über die Lockdowns Luft. Ein sechsminütiges Video rief etwa die chinesische Zensur auf den Plan. Allerdings hatten die Zensoren Mühe, das Video zu löschen, weil Internetnutzer es auf verschiedenen Cloud-Servern immer wieder neu hochluden.

Video Shanghai

Einfache Schwarz-Weiß-Luftaufnahmen vom menschenleeren Shanghai sind in dem Video zunächst unterlegt mit Presseerklärungen, in denen die Behörden zu Beginn des Corona-Ausbruchs im März noch versichern, dass sie einen Lockdown in der Metropole wegen der wirtschaftlichen Auswirkungen ablehnen.

Es folgen Tonaufnahmen von Klagen eines Mannes, dessen kranker Vater in keinem Krankenhaus behandelt wird, von einer Frau, die nach einer Chemotherapie im Krankenhaus nicht nach Hause zurückkehren darf oder von einer Mutter, die ihre Nachbarn mitten in der Nacht um fiebersenkende Mittel für ihr Baby anfleht.

„Massivste öffentliche Zurschaustellung von Wut“ seit 2012

Als das Video tatsächlich von allen Online-Plattformen in China verschwunden war, reagierten viele Internetnutzer mit Unverständnis und Empörung. „Das Video zeigt nur nackte Tatsachen. Es gibt nichts Provokantes“, kritisierte einer von ihnen. „Der Inhalt ist nicht neu – aber die Tatsache, dass sogar das zensiert wird, beunruhigt mich“, schrieb ein anderer.

„Wenn man sich die Anzahl der Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund ansieht, die sich zu Wort gemeldet haben, und die Intensität ihrer Äußerungen, war dies die massivste öffentliche Zurschaustellung von Wut, seit Xi 2012 an die Macht kam“, sagte Yang Chaohui, Dozent für Politikwissenschaft an der renommierten Peking-Universität der Nachrichtenagentur Reuters.

Hat die Wut der Chines:innen über die Lockdowns das Potenzial, gefährlich für Xi Jinping zu werden? 

„Auf keinen Fall kurzfristig“, ist sich China-Expertin Messner sicher. Vor dem Parteitag im Herbst 2022 werde nichts in diese Richtung geschehen. „Vielleicht nächstes Jahr, man muss da auch den Krieg in der Ukraine mit im Blick behalten.“

„Die chaotische Situation in Shanghai wirft ein schlechtes Licht auf die Kommunistische Partei, die sich als Hüterin der politischen und gesellschaftlichen Stabilität in China versteht“, resümiert Professorin Heep.STERN PAID Lockdown Shanghai 12.30

Ausbreitung der Proteste unwahrscheinlich, so Expertinnen

Die logistischen Probleme, die zu Engpässen bei der Lebensmittelversorgung führen, hätten die Bevölkerung in Shanghai überrascht und ließen sich „schwerlich mit dem Image der Kommunistischen Partei als Garantin wirtschaftlichen Wohlstands vereinbaren“. Aber: „Dass die Situation in Shanghai für Xi persönlich zum Problem wird, ist eher unwahrscheinlich. Denn die chinesische Führung macht die Politiker in Shanghai für das schlechte Pandemiemanagement verantwortlich. Auf lokaler Ebene könnte es daher durchaus personelle Konsequenzen geben“, meint Heep.

Auch ein Ausbreiten der Proteste hält die Professorin für unwahrscheinlich. „Angesichts der Intensität der Überwachung in China und der enormen Risiken, die mit physischen Protesten in Chinas zunehmend repressivem Regime einhergehen, ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass es in der physischen Welt zu Protesten in großem Stil kommen wird.“

Die Ausweitung der Proteste hält Messner ebenfalls für unwahrscheinlich. „Ich glaube schon, dass man alles tun wird, um diese Proteste zu schlichten. Es gibt zwar immer wieder in China kleinere Proteste. Ich denke aber nicht, dass solche Proteste so schnell auf die Straße übertragen werden. Mehr als 80 Prozent der Chines:innen stehen hinter Xi. Xi ist der Landesvater für China. Die Klassifizierung, Omikron als harmloser einzustufen, könnte da eine Lösung sein, um Proteste einzudämmen.“Lockdown in Shanghai 21.15

Sorge in der Wirtschaft

Im Rest der Welt wächst unterdessen die Besorgnis darüber, wie sich die Corona-Lage in China auf die Lieferketten auswirken könnte. Die ständigen Lockdowns haben der Wirtschaft geschadet und unter anderem zu Rückstau im weltweit verkehrsreichsten Containerhafen in Shanghai geführt. Hinzu kommt, dass derzeit massenhaft Ausländer das Land verlassen. Viele internationale Unternehmen haben Mühe, ihre ausländischen Arbeitskräfte in China zu halten und neue anzuwerben.

Die britische Handelskammer sieht die Risiken in China für die Wirtschaft „auf dem höchsten Niveau seit 2020“. Jens Hildebrandt von der deutschen Auslandshandelskammer in Peking warnt, die Lockdown-Maßnahmen würden „langfristig Spuren hinterlassen“.

Kommunistische Partei will Erfolge vorweisen

Im Herbst diesen Jahres wird sich Xi Jinping höchstwahrscheinlich für fünf weitere Jahre in seinem Amt als Generalsekretär der Kommunistischen Partei bestätigen lassen. „Vor diesem Hintergrund ist es für die KP in diesem Jahr besonders wichtig, politische und wirtschaftliche Erfolge vorzuweisen und sich als Garantin für Stabilität und Wohlstand inszenieren zu können. Zurzeit sieht es nicht so aus, als könnte die KP diesen Ansprüchen bis zum Herbst gerecht werden“, meint Heep.STERN PAID 14_22 Titel Pekings Drang zur Weltmacht 09.11

Denn zur wachsenden Unzufriedenheit mit dem Pandemiemanagement kämen wirtschaftliche Probleme hinzu. Auch das Vorgehen gegen Spekulationen im Immobiliensektor und die zunehmenden politisch motivierten Eingriffe in das Wirtschaftsgeschehen führten zu einem verlangsamten Wachstum, so Heep weiter. „Mittelfristig wird auch Chinas rhetorische Unterstützung des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine wirtschaftliche Konsequenzen haben, da sie bereits bestehende Tendenzen zur Blockbildung verschärft. Diese Vielzahl von Problemen trübt Xis Ansehen sicherlich auch in den Augen eines Teils der politischen Eliten in Beijing.“

Anzeichen, dass Xis Machterhalt in Gefahr ist, seien bisher allerdings nicht nach außen gedrungen, erklärt Heep. „Sollte es zu einer Verschärfung der politischen und wirtschaftlichen Probleme kommen, ist zu erwarten, dass die KP noch entschlossener gegen Kritik innerhalb Chinas vorgehen und gleichzeitig versuchen wird, ihre Legitimität durch zunehmende Aggression nach außen zu stärken.“

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China Coronavirus Epizentrum Infektionswelle Shanghai Wuhan

Video: Insider – Shanghai plant Lockerung von Corona-Beschränkungen

Shanghai gilt zurzeit als das Epizentrum der größten Infektionswelle in China seit dem Ausbruch Ende 2019 in Wuhan.

Shanghai gilt zurzeit als das Epizentrum der größten Infektionswelle in China seit dem Ausbruch Ende 2019 in Wuhan.

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