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Zwischen den Fronten: Eingeborene von Kolumbien verteidigen ihr Land – und zahlen mit dem Leben

In Kolumbien müssen die Territorien der Ureinwohner für den Drogenanbau herhalten. Wer sich dagegen wehrt, musst oftmals mit dem Leben zahlen.

In Deutschland sind die „Fridays for Future“-Demos ein gewohntes Bild. Tausende Jugendliche gehen regelmäßig auf die Straße, um sich für Klimaschutz und eine nachhaltige Zukunft stark zu machen. Wer sich in Kolumbien für die Natur einsetzt, riskiert hingegen sein Leben. Vor allem wenn es um die Territorien indigener Völker geht.

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Denn deren Land ist hart umkämpft. Nach Angaben der „Globalen Partnerschaft für Drogenpolitik und Entwicklung“ werden mehr als zwei Drittel der Koka-Pflanzen in Naturschutzgebieten und Sonderverwaltungsregionen für afro-kolumbianische und indigene Völker angebaut. Insgesamt 1200 Tonnen Kokain hat der südamerikanische Staat im Jahr 2020 daraus produziert. Das geht aus einem Bericht des Büros der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung hervor, über den unter anderem der „Schweizer Rundfunk“ berichtet hat.

Kampf um neue Drogenanbaugebiete in Kolumbien

Ein lukratives Geschäft, an dem nicht nur Drogenkartelle verdienen. Auch die linksgerichteten Guerillakämpfer und die rechten Paramilitärs mischen im Drogenhandel mit. All diese bewaffneten Gruppen kämpfen um neues Territorium für den Koka-Anbau. Die abgelegenen Regionen der indigenen Volksgruppen sind besonders begehrt.

Kokain-Labor in Kolumbien.
Eines von vielen Kokain-Laboren in Kolumbien.
© Abaca Motte Jules 125105

Einer der Anführer der Wounaan-Ethnie berichtete bei einem Treffen der Wahrheitskommission und der Nationalen Indigene Organisation Kolumbiens (ONIC), dass die bewaffneten Truppen „die Gemeinden bedrohen und töten, so dass es zu einer massiven Vertreibung in die Stadt kommt, wodurch sie im Gebiet Ruhe haben und arbeiten können“. Die Ureinwohner sind ständigem Terror ausgesetzt und geraten zwischen die Fronten.

Ureinwohnern leben in Armut

Die indigenen Gruppen haben zwei Möglichkeiten: Entweder sie beugen sich dem Anbau der Koka-Pflanzen, womit sie sogar Gewinn erwirtschaften können oder sie verteidigen ihr Land und riskieren dabei ihr Leben. Die Entscheidung fällt meist auf erstere Option.

Die ethnischen Minderheiten gelten als wirtschaftlich, politisch und sozial ausgegrenzt. In ihren Gebieten mangelt es an Infrastruktur und somit auch am Zugang zu legalen Märkten. Die Mehrheit der indigenen Völker lebt in Armut. Der Anbau und Verkauf von Koka-Blättern ist für viele von ihnen die einzige Einnahmequelle. Die restliche Bevölkerung Kolumbiens und sogar die Regierung begegnet den Ureinwohnern nicht selten mit Ablehnung und Rassismus.

Schüsse bei Protesten in Kolumbien

Das wurde beispielsweise bei der Protestwelle im vergangenen Jahr klar, als zehntausende Kolumbianer gegen die Politik des rechtsgerichteten Präsidenten Iván Duque demonstrierten. Um an den Kundgebungen teilzunehmen, zog ein Zusammenschluss mehrere indigener Völker gemeinsam in die Stadt Cali. Die anderen Demonstranten reagierten feindselig auf deren Anwesenheit. Die „Deutsche Welle“ berichtete damals Angriffen und Schüssen auf die Eingeborenen. Schließlich rief Präsident Iván sie dazu auf, in ihre Territorien zurückzukehren, um weitere „unnötige Konfrontationen zu vermeiden“.

Proteste in Cali im Juli 2021
Die Protestwelle gegen die Regierung zog auch indigene Völker in die Stadt.
© Andres Gonzalez

Die Volksgruppen sehen sich von allen Seiten mit Vorurteilen konfrontiert. „Viele Menschen sagen uns, wir gehörten zur Guerilla, die Guerilla sagt uns, wir seien Agenten des Staates. Sie wollen nicht verstehen, dass wir allein für uns stehen“, sagte Fabian Mulcue, ein Mitglied der indigenen Polizei der „Deutschen Welle“.

Drogenanbau hat schädliche Folgen für Natur und Gesundheit

Der Drogenanbau ist der Hauptgrund für die Abholzung des kolumbianischen Regenwaldes. Die Verarbeitung der Pflanzen zum Kokain setzt schädliche Chemikalien frei, die in Böden und Flüsse gelangen und damit zu einer Bedrohung für die Gesundheit werden. Das wollen sich nicht alle Volksgruppen gefallen lassen. Doch diejenigen Ureinwohner, die ihre Kultur und ihr Land schützen wollen, müssen dies oft mit dem Leben bezahlen.

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Die Organisation der „Indigenen Wächter“ leistet Widerstand. Die Mitglieder kümmern sich um die Natur und kontrollieren den Zugang zu ihrem Territorium. Für die Drogenkartelle, Paramilitärs und Guerillas sind die Aktivisten Störfaktoren, die ohne zu Zögern eliminiert werden. Das zeigt der Fall des 14-jährige Breiner David Cucuñame, den das ZDF kürzlich in einem Beitrag erwähnte. Der Regionale Indigene Rat von Causca macht die FARC-Guerillas für den Mord an dem Jungen verantwortlich. Der 14-Jährige werde als „ein Beschützer der Mutter Erde, ein Wächter des Territoriums, ein jugendlicher Beschützer des Lebens“ in Erinnerung bleiben. Doch auch wer keinen aktiven Widerstand leistet, fürchtet oftmals um sein Leben.

„Ein Leben voller Angst“

Insgesamt 68 indigene Völker in Kolumbien sind nach Angaben der ONIC aufgrund der bewaffneten Konflikte und der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen in ihren jeweiligen Territorien von physischer und kultureller Auslöschung bedroht. Seit November 2016 sind laut der NGO „Indepaz“ mindestens 300 indigene Anführer getötet worden.

Ein Beerdigungs-Zug nach dem Tod eines indigenen Führers
Ein Beerdigungs-Zug nach dem Tod eines indigenen Führers.
© Andres Gonzalez

„Es ist ein Leben voller Angst innerhalb unseres Territoriums“, sagt Miguel Pertiaga, der gesetzliche Vertreter der Vereinigung indigener Räte Eperara Siapidara von Nariño (ACIESNA) bei dem Treffen der Wahrheitskommission mit der ONIC. Man sei es leid, all die Misshandlungen zu ertragen. Doch momentan ist der einzige Ausweg aus der bedrohlichen Lage die Flucht.

Quellen: Deutsche WelleGlobale Partnerschaft für Drogenpolitik und Entwicklung, Indepaz, Progressive Internationale, Redaktionsnetzwerk Deutschland, Schweizer Rundfunk, ZDF

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